Weißrußlandbesuch vom 13.-17. Mai 2001
- Eröffnung des Erholungsheim Podjelniki
- Gespräche mit Prof. Katko über "Katja"
und Besuch bei der Familie Schimtschik in Nowoselskij
Kurzbericht in Stichpunkten
Sonntag, 13. Mai 2001:
Ankunft auf dem Flughafen Minsk um 12.25 Uhr. Wjatscheslaw
Pleskatsch und Dr. Michail Malko holen uns (Paul und Irene
Koch) ab und begleiten uns während unseres Aufenthaltes in
Minsk. Nach dem Mittagessen besuchen wir am Nachmittag den
Botanischen Garten, ein riesiges Gelände mit Bäumen,
Sträuchern und Blumen aus allen Erdteilen. Am Abend sind
wir bei Familie Malko, besprechen das Programm der Tage in
Minsk und schwelgen in Erinnerungen und Zukunftsplänen.
Montag, 14. Mai 2001:
Der Vormittag ist weiteren Besprechungen und einem Stadtbummel
gewidmet. Am frühen Nachmittag fahren wir mit 2
Kleinbussen und 2 PKW´s in das Dorf Podjelniki (auf
Deutsch: Unter den Tannen), nahe der Kreisstadt Ussa, (95 km
südwestlich von Minsk). Hier wird um 16.00 Uhr das
gleichnamige Erholungsheim Podjelniki im Beisein der
ersten Erholungsgäste, unterschiedlichen
Regierungsvertretern und Vertretern der Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V. von Anatolij Netylkin,
dem Vorsitzenden der weißrussischen
Blindengesellschaft eröffnet und seiner Bestimmung
übergeben. Im Rahmen dieser Feierlichkeiten übergab
Anatolij Neylkin den deutschen Gästen Paul und Irene Koch
(in Abwesenheit auch Dr. Horst Wohlfarth) eine Urkunde des
weißrussischen Departement für humanitäre Hilfe
(Unterzeichner Herr Kutschinski).
Dienstag, 15. Mai 2001:
Nach der mitternächtlichen Rückkehr aus Podjelniki
haben wir einen freien Vormittag. Am Nachmittag besuchen wir
mit Wjatscheslaw Pleskatsch das Naherholungsgebiet am Stadtrand
von Minsk. Viele künstliche Seen, viele Sanatorien und vor
allem viel Wald laden zur Erholung ein. Dafür sind
überraschender Weise außer ein paar Anglern kaum
Menschen anzutreffen. Die Saison geht vom Juni bis August
– dann sind Schulferien und alles ist in Bewegung. Am
Abend sind wir bei Familie Pleskatsch. Dr. Michael Malko bringt
seine Frau Raisa und Prof. Wladimir Katko mit. Wir besprechen
mit Prof. Katko die Korrespondenz mit Dr. Horst Wohlfarth und
dem Herzzentrum Berlin, wo Katja
Schimtschik operiert werden soll. Vom Herzzentrum erhielten
wir die Empfehlung für eine erfolgversprechende
Spendensammlung das Umfeld des Patienten zu erkunden und zu
dokumentieren. An diesem Abend nimmt Prof. Katko mit der
Familie Schimtschik telefonisch Kontakt auf und bittet um ein
Auto, das uns (Irene und Paul Koch und Dr. Michael Malko als
Dolmetscher) am nächsten Morgen abholt.
Mittwoch, 16. Mai 2001:
Um 9.30 Uhr steht ein PKW vor dem Hotel, das uns in das Dorf
Nowoselskij bringen soll. Der Fahrer ist Jurij Schimtschik,
Katjas Vater, den wir bereits im April kennenlernten. Die
Begrüßung ist entsprechend freundschaftlich locker
ebenso die Anreise in sein Dorf. Er hat bereits eine Strecke
von über 200 km hinter sich gebracht, weil sich das Dorf
Nowoselk im Wizebsker Gebiet an der Litauischen Grenze 30 km
vom Kraftwerk Ignalina entfernt, befindet. Der Weg führt
uns am Wilejkasee und dem Norotsch-Nationalpark vorbei. Viele
Kilometer führen uns durch den Wald und an vielen Seen
vorbei bis wir nach 4 Stunden Fahrt (mit kleinen Pausen) am
Haus von Familie Schimtschick vorfahren. Juri Schimtschik
entschuldigt sich, daß um das Haus herum noch nicht alles
so ist, wie er es sich vorstellt, aber er bewohnt das Haus mit
seiner Familie erst seit Herbst letzten Jahres und hat wenig
Zeit. Das Haus, ein Steinhaus, wurde ihnen von der Kolchose als
Wohnung zur Verfügung gestellt. Die kleine Siedlung wurde
freigegeben, nachdem das Militär nach der Wende
überflüssig wurde. Ganz in der Nähe gab es einen
Militärflughafen und im Wald waren Mittelstreckenraketen
stationiert, die noch vor einigen Jahren auf den Westen
ausgerichtet waren. Irina Schimtschik macht einen
schüchternen, unsicheren Eindruck. Im Kinderzimmer sehen
wir Katja und ihre
Schwester Rita. Katja erkennt uns, denn erst vor einem Monat
hatten wir in Minsk von ihr ein paar Fotos gemacht. Wir
besprechen mit Jurij und Irina Schimtschik, wie wir von
Katja´s Herzfehler und die Bitte, ihr zu
helfen, erfahren haben. Wir besprechen die Möglichkeiten
und die Vorgehensweise. Auf die Frage, ob sie die Anreise nach
Berlin selbst bezahlen können werden sie sehr verlegen und
meinen, daß sie höchstens eine Fahrt (von mindestens
2 Fahrten) bezahlen können. Wir besprechen die
Formalitäten – die Spannung die bei Frau Schimtschik
am Anfang zu bemerken war, löst sich zusehends. Die
typisch weißrussische Gastfreundschaft in Form von Essen
und Trinken ist auch hier vorhanden. Nach dem Mittagessen,
zeigt uns Jurij Schimtschik die ehemalige Militäranlage
aber auch eine wunderbare Kirche, die der Kolchosevorsitzende
schon zu Sowjetzeiten gerettet hat, und den nahegelegenen See.
Nach dem Ausflug ist nochmals Essen und Trinken angesagt und
unsere Rückreise verzögert sich so, das wir in Minsk
anrufen um unsere Verabredungen für den frühen Abend
etwas hinauszuschieben. Hier treffen wir dann mit weiterer
Verspätung auf Olga und Tatjana Kljashtchuk. Anatol
Kljashtchuk ist zur Zeit in Amerika zu einer Fotoausstellung in
einer weißrussischen Siedlung in Salt Lak City.
Donnerstag 17. Mai 2001: Um 6.00 Uhr wartet bereits
der PKW der Blindengesellschaft der
uns zum Flughafen bringt. Um 8.00 Uhr weißrussischer Zeit
startet eine kleine Maschine der Belavia pünktlich vom
Minsker Flughafen.
Hintergrundinformationen zu Podjelniki:
Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ging es der
weißrussischen Blindengesellschaft
wirtschaftlich sehr schlecht. Zuvor hatte jede der 17
Produktionsstätten der landesweit arbeitenden
Blindengesellschaft (51 % der Arbeitsplätze sind
Arbeitsplätze für Sehbehinderte und Blinde) neben
verschiedener anderer kulturellen und sportlichen Einrichtungen
auch jeweils ein Erholungsheim, das von dem jeweiligen Betrieb
geführt und unterhalten wurde – aber von allen
Weißrussen genutzt werden konnten. (Mitarbeiter der
Blindengesellschaft zu günstigeren Konditionen). Die
wirtschaftliche Situation zwang die Blindengesellschaft nach
der Wende dazu, einige dieser Erholungseinrichtungen zu
verkaufen. Von dem Erlös sollte ein neues, zentrales
Erholungsheim gekauft werden. Man entschloß sich damals
für das Freizeitheim in Podjelniki, das zuvor einer
Minsker Elektrofirma gehörte. Dieses Freizeitheim wurde im
Laufe der letzten Jahre umgebaut, so das nun 100 Betten
ganzjährig zur Verfügung stehen. Zudem gibt es neben
dem großen Speiseraum auch einen Konzertsaal (bzw.
Kinosaal), eine Turnhalle und eine Bibliothek. 1996 besuchte
die Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt,
während ihrer ersten Begegnungsfahrt, das damalige
Freizeitheim (bestehend aus dem Haupthaus mit 20 Betten –
ganzjährig geöffnet und 5 Holzhäuser für
kleine Gruppen oder Familien für den Sommerbetrieb). Von
da an unterstützte die Tschernobyl-Initiative das
Erholungsheim. Alle zwei Jahre finanzierte sie mit mindestens
6.000,- DM Kindererholung und mit 3.000,- DM Mutter-Kind-Kuren
in Podjelniki. Dies im Wechsel mit den Kindererholungen im
Falkenheim, wo die Blindengesellschaft gezwungen ist keine
stark sehbehinderten oder blinde Kinder zu schicken. Hier vor
Ort in Podjelniki ist die angemessene Begleitung,
Unterstützung und Therapie mit dem entsprechenden Personal
für sehbehinderte und blinde Menschen
gewährleistet.
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