Home
Home
Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


de en fr ru

Lebensmittel-Mess- und Beratungsstellen in Belarus

Adam Romanchuk berichtete im Februar 2008 in Wolfenbüttel und Schöppenstedt von seiner Arbeit im verstrahlten Gebiet im Dorf Djatlawitchi/ Belarus.

(Diese Zusammenstellung ist im Vorfeld des Besuches von Adam Romanchuk entstanden. Die Informationen sind vom niedersächsischen Umweltnetzwerk JANUN e.V.

Wie stark sind die Kinder belastet?

Messen der Körperstrahlung

Mit in Kleinbussen installierten Messstühlen fährt BELRAD in die Dörfer. Zumeist in Kooperation mit der Schule vor Ort werden die Kinder gemessen. Alle Kinder erhalten anschließend ein Infoblatt für die Eltern, in das jeweils die individuelle Strahlenbelastung eingetragen wird und das darüber aufklärt, wie man sein Kind schützen kann. Der Mensch, der auf dem Messstuhl sitzt, strahlt γ-Strahlen aus, die auf den in die Rückenlehne eingebauten Detektor des Messstuhls strahlen. Die so erhaltene Information transformiert sich in ein elektrisches Signal und kommt in den systematischen Block des Computers. Dort transformiert sich das Signal in die passende Form, die es ermöglicht das Messergebnis zu lesen. Auf dem Monitor werden die Abstände der Akkumulation der Radionuklide im Organismus des Menschen reflektiert. Durch diese Rückschlüsse ist es möglich, entsprechende Therapien und passende Hilfsangebote vorzuschlagen.

Aufgrund der Messergebnisse wird ersichtlich, welche Kinder besonders belastet sind. Dies kann ein Kriterium für die Teilnahme an einem Erholungsaufenthalt im In - oder Ausland sein oder z.B. für die Teilnahme an einer Pektinkur (siehe unten).

Weiter sollten hohe Messwerte zum Anlass genommen werden die Hauptstrahlenquellen in den jeweiligen Familien ausfindig zu machen und individuell zu überlegen, wie die Eßgewohnheiten verändert werden können, damit das Kind nicht mehr so viele Radionuklide durch die Nahrung zu sich nimmt.

Die Strahlenmessung pro Kind kostet 3,60 Euro.
Enthalten darin sind die anteilige An- und Abreise in das jeweilige Dorf.

Wie können Äpfel den Kindern von Tschernobyl helfen?

Informationen über Pektinkuren

Eine vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebene Studie, realisiert vom Forschungszentrum Jülich und dem Strahleninstitut BELRAD / Minsk hat ergeben:

" ...Das ist eine signifikante Beschleunigung der natürlichen Cäsiumausscheidung und würde bei kontinuierlicher Fortsetzung der Pektingabe eine entsprechende Reduktion der internen Dosis bewirken. ... Die Untersuchung der Nebenwirkungen hat keine negativen Effekte gezeigt. Insbesondere wurde keine ungünstige Veränderung der Zink -, Kupfer -, Eisen und Kaliumgehaltes des Körpers beobachtet."

Die Antworten auf häufig gestellte Fragen zu Pektinen:

Was ist Vitapekt?
Ein Pulver, bestehend aus Apfelschrot, angereichert mit Vitaminen und Mineralstoffen. Es wird den Kindern in Wasser gelöst zu trinken gegeben. Der Pektingehalt des Pulvers namens Vitapekt beträgt 16 %.

Was bewirkt Pektin?
Pektine bewirken eine schnelle Ausscheidung des Cäsiums 137 aus dem Organismus, bevor es sich über das Blut in Organen oder Muskeln anreichern kann. Innerhalb von drei Wochen werden 30 - 40 % der Cäsiumnuklide während einer Pektinkur ausgeschieden. Bekommen die Kinder zusätzlich in dieser Zeit saubere Nahrungsmittel reduziert sich die Cäsiumbelastung um 65 - 80 %. Bekommen die Kinder drei Wochen lang saubere Nahrung aber keine Pektine, reduziert sich die Cäsiumbelastung um 15 - 20 %.

Wie funktioniert die Reduzierung der radioaktiven Belastung?
Pektine quellen im Magen - und Darmtrakt auf. Beim Aufquellen entwässert die Pektinmasse den Verdauungstrakt, nimmt das radioaktive Cäsium 137 auf und wird auf natürlichem Wege über den Stuhlgang ausgeschieden.

Was ist mit anderen radioaktiven Stoffen wir Strontium oder Plutonium?>br> Strontium und Plutonium sind Schwermetalle die ebenfalls ausgeschieden werden, falls sie sich nicht schon in den Knochen festgesetzt haben.

Ab welcher Strahlenbelastung in Becquerel pro Kilogramm Körpergewicht liegt eine Gesundheitsgefährdung vor?
Ab 15 - 20 bq Cäsium 137 ist von einer Gesundheitsgefährdung auszugehen, ab 30 - 50 bq ist mit Pathologien der Organe zu rechnen.

Warum ist es wichtig immer wieder zu messen?
Nur so kann überprüft werden, ob die Kinder das Vitapekt auch wirklich nehmen. Die Mess-ergebnisse motivieren die Kinder und ihre Eltern weiter etwas zu tun.

Die Kosten für die Pektinkur pro Kind und Jahr
Je nach Strahlenbelastung der Kinder empfiehlt sich eine Pektinkur zum Preis zwischen 20 und 70 Euro

Tschernobyl-Folgen immer schlimmer...
...aber Basishilfsprojekte haben Erfolg - Unterstützung durch Schulen und Umwelt-gruppen gesucht

Regen prasselt an die Windschutzscheibe des Kleinbusses. Die Räder wühlen sich durch den Schlamm. Wir sind in einem Dorf, rund drei Autostunden von der Hauptstadt Minsk und rund 200 Kilometer vom Tschernobylreaktor entfernt. In der Schule treffen wir die Biologielehrerin, die seit fünf Monaten die Strahlenmess- und -beratungsstelle leitet.

Eigentlich kommt mir hier alles ganz normal vor. Schließlich kann ich die Radioaktivität nicht schmecken oder sehen. Weh tut sie auch nicht. Aber sie treibt bei jeder Mahlzeit erneut ihr Unwesen.

80 bis 90 Prozent der Radioaktivität nehmen die Menschen in der Tschernobylzone über die Nahrung zu sich, die sie zum größten Teil aus dem eigenen Garten, dem Wald und dem Fluss beziehen. Vor allem Milch, Beeren, Pilze und Wildfleisch sind hoch belastet.

An den Kauf von sauberer Nahrung ist bei einem durchschnittlichen Monatslohn von 20 bis 30 Euro aber gar nicht zu denken. Auch wegziehen kann man nicht. "Man kriegt woanders keine Wohnung und auch keine Arbeit", wird uns erklärt. Zwei Millionen Menschen teilen in Weißrussland das gleiche Schicksal. Sie leben in der Tschernobylzone, die 23 Prozent der Fläche des osteuropäischen Landes ausmacht.

Wir betreten die Messstelle, einen Raum, der mit einem großen Messgerät für Nahrungs-mittel, einem mobilen Geigerzähler, einer Waage, einigen Listen und Fachliteratur aus-gestattet ist. Außerdem ist da noch ein kleiner Stapel mit "Elternheften", die das Institut für Strahlensicherheit verfasst und gedruckt hat. Darin können die Eltern nachlesen, wie sie sich und vor allem ihre Kinder möglichst gut vor der Radioaktivität schützen können. Allgemeine Gesundheitstips gibt es im Anhang. Die Druckkosten für die Hefte wurden von der Naturfreundejugend mit einem Solikonzert eingespielt. 3400 Exemplare konnten daraufhin gedruckt und über die verschiedenen Messstellen an Interessierte verteilt werden. 53 Pfennige kostet solch ein Heft im Druck. Da die Hefte fast vergriffen sind, werden nun Spender gesucht, die eine neue Auflage möglich machen.

Die Lehrerin erklärt uns, dass den Menschen erst einmal wieder vor Augen geführt werden muss, dass die Strahlung immer noch allgegenwärtig ist.

Mehr als 20 Jahre nach dem "Super-GAU" hat der Verdrängungsprozess weitgehend gewonnen. Nicht aber verdrängen lassen sich die Erkrankungen, unter denen vor allem die Kinder zu leiden haben. Krebs, aber auch Augenleiden wie der Graue Star (in machen Orten ist jedes fünfte Kind betroffen), Herzrhythmusstörungen, ein Blutdruck von 160 (in höher verstrahlten Dörfern sind fast alle Kinder herzkrank), Entwicklungsstörungen, veränderte Organe oder das so genannte Tschernobyl-Aids, eine allgemeine Immunschwäche, sind allgegenwärtig und bestimmt auf die radioaktive Belastung zurückzuführen. Viele Frauen haben Angst davor Kinder zu bekommen.

Neben der wirtschaftlichen Notlage ist dafür vor allem Tschernobyl verantwortlich. In einigen Orten kommen auf jede Geburt vier Abtreibungen. In einem stark belasteten Dorf hat die Untersuchung von Mädchen ergeben, dass viele von ihnen mehr männliche als weibliche Hormone haben.

Die Lage scheint aussichtslos. Doch die Lehrerin berichtet sehr motiviert über ihre Arbeit. "Erst mal haben wir Elternabende in der Schule veranstaltet. Dort haben wir erklärt, was die Messstelle soll und was die Menschen von mir erwarten können. Ich habe aber auch erklärt, wie einfach es teilweise ist, die Radioaktivität in den Lebensmitteln gering zu halten. Wenn z.B. Milch separiert wird, d.h. wenn die eigentliche Milch von einem Großteil des Wassers in der Milch getrennt wird, dann bleiben die Radionuklide zu 80 Prozent in dem Wasser. Wenn die Milchbestandteile dann mit sauberem Grundwasser vermischt werden, bekommen wir relativ saubere Milch. Viele solcher Tips gibt es. Aber kaum jemand kennt sie. Der Staat selbst sorgt nicht für diese Informationen, da er keine Panik will. Die Messungen machen wir mit den Schülerinnen und Schülern zusammen, damit sie möglichst viel über Radioaktivität lernen. Außerdem behandeln wir das Thema jetzt auch im Unterricht. Ein neues Projekt ist, dass ich mit den Schülern eine Strahlenkarte des Dorfes anfertigen möchte. So können wir genau herausfinden und bekannt geben, wo der Boden wie stark verstrahlt ist. Denn von Garten zu Garten schwankt die Radioaktivität erstaunlich stark, wie unsere ersten Messungen ergeben haben. Wenn wir die Verstrahlung kennen, können wir die Leute richtig beraten. Die Menschen bemühen sich jetzt wirklich, die Strahlenbelastung in der Ernährung zu verringern. Durch die Messungen können sie nun konkret nachvollziehen, ob sie Erfolg haben. In der Messstelle haben wir aber auch feststellen können, dass das Brot stark belastet war. Dann haben wir das Getreide gemessen, das wir im Dorf angeliefert bekommen. Die Messungen haben ergeben, dass das Getreide stark radioaktiv war. Wir haben es dann zurückgeschickt. Hilfe zur Selbsthilfe ist wirklich machbar." Viele kleine Schritte gegen ein großes Problem.
Achim Riemann

Das Jugendumweltnetzwerk sucht nun Umweltgruppen, Schulen und andere Initiativen, die die Patenschaft für eine solche Mess- und Beratungsstelle übernehmen. 1283,- DM im Jahr kostet der Betrieb einer Station, einschließlich einem Gehalt für eine halbe Stelle. 24 Mess-Stellen konnten auf diese Weise bereits in Schulen in der Tschernobylzone eröffnet werden. Weitere sollen dringend folgen. Die Erfolge sind messbar. So haben die Familienangehörigen der MessstellenleiteIinnen im Durchschnitt eine 15mal geringere Radioaktivität im Körper als andere DorfbewohnerInnen, obwohl sich ihre Lebensumstände nicht voneinander unterscheiden.
Übrigens: Es gibt 911 Schulen in der Tschernobylzone.

Auch 21 Jahre nach Tschernobyl

Lebensmittel messen und Beratung vor Ort - das Übel an der Wurzel packen.
Hilfe zur Selbsthilfe leisten!

Ziel ist es den Menschen in den verstrahlten Gebieten Weißrusslands zu vermitteln, wie sie sich selbst möglichst gut vor der Strahlenbelastung schützen können. Die Strahlenmessstellen sind hierbei ein guter Weg.

LehrerInnen werden zu MultiplikatorInnen ausgebildet, die vor Ort die lokal produzierten oder gesammelten Lebensmittel der Dorfbevölkerung messen und eine konkrete Beratung anbieten.

"Strahlung sieht und fühlt man nicht, wenn man die Belastung aber konkret misst und die Resultate vorliegen hat, dann sind die Menschen eher bereit ihre Essgewohnheiten zu ändern", so der Projektleiter Prof. Nesterenko, Minsk.

Lebensmittelmessungen in der Dorfschule

Warum sind nach 20 Jahren immer noch Messungen wichtig? Was haben die Menschen davon, wenn sie wissen wie verstrahlt ihre "Lebensmittel" sind?

Dass die Nahrungsmittel irgendwie nicht in Ordnung sind wissen die meisten. Aber man sieht sie nicht und man schmeckt die Radioaktivität auch nicht; da geht man schnell zum Alltag über, gerade so viele Jahre nach dem GAU. "Man kann ja eh nichts tun - und essen muss man ja", so die weit verbreitete Meinung.

Konkrete Handlungsmöglichkeiten gibt es, sie sind aber Vielen unbekannt.

Dies zu ändern hat sich Prof. Nesterenko zum Ziel gemacht. Ein Beispiel: Rund 60 % der Strahlenbelastung nehmen die Kinder heute durch die Milch zu sich. Wenn Milch aber zu Sahne weiter verarbeitet wird, so wird über das Molkewasser mehr als 90 % des Cäsiums 137 und über 95 % des Strontiums 90 aus der Nahrungskette entfernt. All dies wird den Menschen in den Messstellen vermittelt.

Die Lebensmittelmessungen führen den Menschen deutlich vor Augen, wie hoch ihre "Lebensmittel" verstrahlt sind, was dazu führen kann die Menschen neu für das Problem der Strahlenbelastung zu sensibilisieren. Außerdem machen die Messergebnisse deutlich, dass es unterschiedlich stark verstrahlte Lebensmittel auf engem Raum (z.B. in einem Dorf) gibt.

Die genaue Wahl des Platzes für den Gemüseanbau, beim Pilze & Beeren sammeln und wo die Kühe weiden, kann zu wesentlich niedrigeren Strahlenwerten in der Nahrung führen.

Bei der Essenszubereitung die Cäsiumbelastung reduzieren

Doch nicht nur der Ort spielt eine Rolle beim Strahlenschutz, sondern auch die Weiterver-arbeitung der Lebensmittel, was bei sachgerechter Handhabung zu einer Reduktion der Ver-strahlung in der Nahrung führt. Für Milch, Pilze, Kohl, Kartoffeln etc. gibt es radionuklid-verringernde Weiterverarbeitungsmöglichkeiten. Beispielweise ist die Strahlenbelastung von Sauerkraut niedriger als die von Weißkohl. Wie das genau funktioniert erklären DorfschullehrerInnen, die zu RadiometristInnen / MeßstellenleiterInnen ausgebildet wurden. Kostenlos messen sie die lokal angebauten Nahr-ungsmittel der Menschen, beraten und verteilen Informationsmaterial zum Strahlenschutz und praktischen Umgang mit den Lebensmitteln.

Doch nicht nur die Menschen die Lebensmittelproben in die Messstelle bringen werden informiert. Die RadiometristInnen unterrichten die Kinder in der Schule im Strahlenschutz und informieren die Eltern auf Elternabenden. Vielfach gehen die RadiometristInnen auch direkt in die Familien (im Dorf kennt jeder jeden) und motivieren die Menschen sich dem Problem zu stellen.

Um der Bevölkerung Wissen über die alltäglichen Möglichkeiten des Strahlenschutzes zu vermitteln, wurden Elternhefte Videofilm (mit Unterstützung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit) produziert.

Impressionen aus einer Messstelle:

Die Leiterin der Messstelle ist Lehrerin für Biologie und Sozialkunde. Zur Eröffnung der Messstelle hat sie eine Elternversammlung einberufen, um die Eltern über Strahlenschutzmaßnahmen zu unterrichten und um sie mit der Arbeit der Messstelle vertraut zu machen.

Die SchülerInnen hat sie gleich in den Betrieb der Messstelle einbezogen. Sie untersuchte zusammen mit ihnen die Belastung des Dorfes und der Umgebung. Auf diese Weise haben sie eine Strahlenkarte des Dorfes und der näheren Umgebung angefertigt, um so die Menschen zu informieren, die dann ihre Verhaltensweisen darauf abstimmen können. "Die Eltern bemühen sich nun die Strahlenbelastung unter 37 Bq pro Kilogramm zu drücken. Durch die Messungen werden Zielsetzungen konkret. Die Menschen können sie nun selbst nachvollziehen und kontrollieren, ob sie Fortschritte machen," so die Radiometristin.

Im August wurden viele Pilze gemessen. Manche waren sehr stark belastet, andere weniger.

20 bis 30 Menschen kamen manchmal täglich um Pilze messen zu lassen. Die unterschiedliche Strahlenbelastung bei den Pilzen rührt daher, dass die Menschen zum Pilze sammeln auch in die weitere Umgebung fahren.

Die Belastung im Brot war plötzlich stark gestiegen. Im Dorf angeliefertes Getreide wurde in der Messstelle gemessen. Die Strahlenbelastung war viel zu hoch. Das Getreide wurde dann zum Hersteller zurück geschickt.

Im Winter kommen nur wenige Menschen um ihre Milch messen zu lassen. Im Winter geben die Kühe nur rund 2 Liter pro Tag. Die Milch die dann im Messgerät gemessen wird, wollen die Menschen anschließend nicht mehr trinken. Darum ist es ihnen zu schade einen Teil der Milch für die Messungen zu verwenden.

Es heißt schnell: "Du hast meine Milch doch schon vor einem Monat gemessen". Aber sie hat festgestellt: Die Ziegenmilch, die im Winter in Ordnung war, war im Frühling viel zu hoch belastet.

Der Betrieb einer Strahlenmessstelle kostet pro Jahr 1238 Euro.

Leben und Sterben in der Tschernobylzone

Von Prof. Nesterenko aus Minsk / Belarus

Als es 1986 in Tschernobyl zur Katastrophe kam, war ich Direktor des "Institut für Kernenergetik der Akademie der Wissenschaft der Republik Belarus".

In den Tagen nach der Nuklearkatastrophe war ich wie andere auch vor Ort am brennenden Reaktor, um das Schlimmste zu verhindern. Zwischen dem 6. und dem 8. Mai hatten wir eigentlich damit gerechnet, dass es im Reaktor zu einer weit größeren Explosion mit einer Gewalt von 3 - 5 Megatonnen kommen würde. Wenn das passiert wäre, dann hätte diese Explosion den Umkreis von 300 Kilometern rund um den Reaktor verwüstet.

Dazu ist es nicht gekommen. Auch dafür haben 800 000 Liquidatoren (Katastrophenhelfer) am Reaktor und in den belasteten Regionen, ohne es zu wissen, ihre Gesundheit riskiert und tausendfach geopfert.

Als ich am 9. Mai auf dem Bahnhof von Gomel gesehen habe, wie tausende von Kindern, viele davon weinend, von ihren Eltern getrennt und evakuiert wurden war mir klar: Tscher-nobyl war nicht nur eine Katastrophe für die Welt, sondern auch meine persönliche Lebens-katastrophe. Ich hatte bis dahin für die Atomkraft gelebt, aber sie wird immer zu gefährlich sein.

1992 habe ich das unabhängige Institut für Strahlensicherheit "BELRAD" gegründet, um den Menschen zu helfen und die Wahrheit über die Folgen von Tschernobyl herauszufinden.

Wie aber sehen die Folgen von Tschernobyl aus? Was ist die Wahrheit?

Mehr als 23% der Fläche Weißrusslands (mehr als 46,5 Tausend km²) wurden nach der Katastrophe von Tschernobyl der Verseuchung von über 1 Ci/m² ausgesetzt. Über 2 Mio Menschen, darunter 500 000 Kinder, waren und sind noch heute betroffen. Im Laufe der Jahre wurden 135 000 Menschen evakuiert und 260 Tausend Hektar Boden aus der Bodennutzung genommen.

Ein Großteil der langlebigen Radionuklide akkumulierte sich in der oberen Bodenschicht und gelangt so nach wie vor über die Nahrungskette tagtäglich in den Menschen. Über 90% der Strahlung nehmen die dort lebenden knapp 2 Mio. Menschen heute und in den nächsten Jahr-zehnten durch die Nahrungsmittel zu sich.

Bei gleicher Ernährung von Erwachsen und Kindern akkumulieren Kinder eine 3-5mal höhere Dosisbelastung, da sie weniger wiegen und die Wechselprozesse im Kinderkörper aktiver verlaufen. Darum sprechen wir von den "Kindern von Tschernobyl", die besonders unsere Hilfe brauchen.

Seit 1990 messen wir den Cäsium-137 Gehalt in den Nahrungsmitteln der Bevölkerung in möglichst vielen Dörfern.

In 1100 Dörfern ist die Milch so stark belastet, dass Kinder sie eigentlich nicht trinken dürften.
Besonders stark belastet sind Pilze, Beeren, Wildfleisch und Fisch.

Seit 1995 sind wir mit Messstühlen, die wir in Kleinbussen installiert haben, in den belasteten Dörfern unterwegs. Mit ihnen können wir die Cäsium-137 Strahlenbelastungen der Kinder feststellen.

Die Messungen zeigen den Grad der Cäsium 137 Akkumulation im Körper.

15 - 20 % der Kinder haben eine Strahlenbelastung von über 100 Becquerel (Bq) pro Kilogramm Körpergewicht.

Sogar in Minsk, 320 km von Tschernobyl entfernt, weisen die Messungen eine Akkumulation von Cäsium-137 im Körper der Kinder in 20 von uns untersuchten Schulen nach. Nur bei 10% der Kinder ist der Gehalt von Cäsium-137 unter 5-7 Bq/kg geblieben, die maximalen gemessenen Werte betrugen jedoch 700-900 Bq/kg.

Medizinische Untersuchungen wiesen nach, dass die hohen Akkumulationswerte von Cäsium-137 im Körper der Kinder die Ursache ihrer starken Gesundheitsverschlechterung sind. Ab einer Belastung von 30 - 50 Bq/kg muss mit Pathologien der Organe gerechnet werden. Die Nieren werden geschädigt. Das Immunsystem wird geschwächt, das Nervensystem wird angegriffen. Kinder im Alter von 12 Jahren leiden unter Bluthochdruck. Gastritis ist bei den Kindern häufig festzustellen und es besteht eine große Gefahr Magendarmkrebs zu bekommen. Eine hohe Cäsiuimbelastung kann zum Grauen Star und zur Sklerose der Blutadern im Auge führen.

Nach offiziellen Angaben hat sich in Weißrussland die Anzahl der gesunden Kinder von 85% (im Jahr 1985) auf 20% (im Jahr 2000) verringert. Unsere Untersuchungen bestätigen dies.

Da Befürworter der Atomkraft oft ökonomisch argumentieren, auch hierzu eine Zahl.

Der wirtschaftliche Schaden, der Weißrussland infolge der Tschernobyl-Katastrophe ent-standen ist, übersteigt die Summe von 235 Mrd. US - Dollar. Dies entspricht 32 nationalen Jahreshaushalten der damaligen Sowjetrepublik Weißrussland des Jahres 1985.

Unter den Folgen von Tschernobyl leiden in Weißrussland, Russland und der Ukraine insgesamt 5 Mio. Menschen, obwohl die Gebiete rund um den Reaktor nicht dicht besiedelt waren. In Deutschland ist die Bevölkerungsdichte ungefähr 5 bis 10 mal höher. Bei einem vergleichbaren Unfall ist davon auszugehen, dass 25 - 50 Mio. Menschen direkt betroffen wären.

Wie unsere Arbeit aussieht und wie wir versuchen den Menschen vor Ort zu helfen, das können Sie nachlesen unter: www.ostwestbruecke.de.
Nähere Informationen gibt es auch bei JANUN e.V. in Hannover unter der Tel.-Nr.: 0511-5909190

Unsere Arbeit ist nur durch Spenden aus dem Ausland möglich. Über Ihre Unterstützung würde ich mich freuen. Prof. Vasilij Nesterenko

Tschernobyl-Katastrophe

Berichte und Bilder

Bücher, Ausstellungen Fahrten Spenden und Hilfe

Letzte Aktualisierung am 2008-03-19, Anja Stadelmann. Kontaktadressen