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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


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Bericht des Liquidators Alexej Jazun

Der Leidensweg

Alexej Jazun, ein ganz normaler Einwohner von Makejewitsch, in eben dieser Stadt geboren, hier aufgewachsen, in die 27. Schule gegangen, von hier aus zum Wehrdienst gekommen. Während seiner Wehrdienstzeit lernte er viel, erfüllte seine Pflichten gewissenhaft, obwohl er es nicht leicht gehabt hatte - im chemischen Bataillon in der Region Primorje. Nach seiner Wehrdienstzeit arbeitete er als Chauffeur im Fuhrpark, anschließend wechselte er zum Gaskraftwerk mit derselben Tätigkeit. Er heiratete und wurde bald darauf Papa eines wunderbaren Jungen. Das Leben hätte so schön sein können, aber das Schicksal meinte es anders.

Das ruhige Leben des Alexej Alexejewitsch endete am 18. September 1987, an diesem Tag erhielt er die Einberufung vom Kirower Militärkommissariat mit der Anordnung, sich innerhalb von drei Tagen auf einen Spezialeinsatz zur Beseitigung der Folgen des Reaktorunglücks im Kernkraftwerk Tschernobyl vorzubereiten. Die Einberufung war unterschrieben von Oberst Kalinin und die Anordnung zu ignorieren, wagte er nicht: Im Gegenteil, er nahm sie auf wie einen Ruf des Vaterlandes, das ihn um Schutz anflehte. Alexej Jazun trennte sich von seiner geliebten Familie und fuhr nach Tschernobyl.

Atomare schwere Zeiten

Beim Kernkraftwerk war Alexej Alexejewitsch 57 Tage - vom 21. September bis 23. November 1987 (abzüglich der Zeit für die Hin- und Rückfahrt). Er arbeitet in der Zone Nr. 3, Truppenteil Nr. 53893.

"Die ganze Zeit, die ich beim Kernkraftwerk verbracht habe, habe ich mich direkt im Kraftwerk selbst aufgehalten," erzählt Alexej Jazun. "Wir waren mit der Deaktivierung beschäftigt: befreiten Kabel von Strahlung, wuschen Maschinen im Maschinenraum und wir machten das alles mit bloßen Händen, wir verwendeten in einer Oxalsäure-Lösung getränkte Putzlappen. Als wir aus der Zone wegfuhren, wurde bei uns allen mit einem Dosimeter die Verstrahlungsdosis gemessen; es ergaben sich 14,5 Bq/Äquivalentdosis, eine Strahlungsdosis, welche die Gesundheit unwiderruflich ruiniert.

Nach Tschernobyl musste Alexej Alexejewitsch sofort ins Krankenhaus für Berufskrankheiten, aus dem er nach zweiwöchigem Aufenthalt mit der Diagnose "Hypertonische Krise, Stufe 2" entlassen wurde. Einen Monat noch arbeitete der frischgebackene Tschernobyler im Gaskraftwerk, aber schon sehr bald wurde klar, dass seine berufliche Tätigkeit ein Ende hatte: ständig war ihm schwindlig, hatte er Ohrensausen, Nasenbluten. Mit so einem Gesundheitszustand ist jede Tätigkeit schwierig, aber mit der Arbeit eines Fahrers ist ein derartiger Zustand überhaupt nicht zu vereinen. Der Leiter des Fuhrparks Gopak, rief zwei Mal täglich den Rettungsdienst für Alexej Alexejewitsch. Dann riet er Jazun schließlich von Mensch zu Mensch, sich eine leichtere Arbeit zu suchen und sich zuvor grundlegend auszukurieren.

Nach dem Leben

Von diesem Moment an begann im Leben des Alexej Jazun die schwarze Phase: Mit so einer Gesundheit wurde er für keine Arbeit genommen und sich behandeln lassen konnte er nicht, weil er dafür kein Geld hatte. Den Status eines Tschernobylers oder irgendeine finanzielle Entschädigung bekam er nicht: Damals wurde die Tragödie verschwiegen, die Archive waren angeblich verschüttet oder in den Kellern des Tschernobyler AKWs untergegangen und keiner konnte die Tatsache bestätigen, dass Alexej Alexejewitschs Gesundheit gerade in Tschernobyl ruiniert wurde.

Auch das Familienleben bekam einen Riss: Müde vom schwerkranken Mann, gequält vom Geldmangel, verließ die Ehefrau Alexej Alexejewitsch und nahm auch das Kind mit - für immer. Der 35-jährige Mann blieb ganz alleine auf der Welt zurück.

"Am Anfang waren mir noch nicht alle Folgen von Tschernobyl bewusst, ich dachte nicht, dass das für das ganze Leben ist", erzählt Alexej Alexejewitsch. "Ich verkaufte das Haus, zog in eine kleine Wohnung, versuchte, meine Gesundheit mit Cerebrolysin zu kurieren. Damals kostete es offiziell 180 Rubel, aber man konnte es nirgendwo kaufen, auf der Straße bekam man es für 500 Rubel. Das Geld vom Verkauf des Hauses reichte nicht lange, dann entschied ich mich, mich noch einmal an das Verteidigungsministerium der Ukraine zu wenden, um offiziell den Status eines Tschernobylers zu bekommen und wenigstens Medikamente umsonst zu erhalten.

"War der Junge dort?"

Von diesem Moment an begannen die Qualen des Alexej Alexejewitsch: Auf seine erste Anfrage hin, die er 1989 geschickt hatte, bekam er erst 1991 eine Antwort. Aus dem Schreiben erfuhr der Tschernobyler Jazun mit Verwunderung, dass er tatsächlich nach Tschernobyl abkommandiert worden war, sich aber in der 30-Kilometer-Zone der Tragödie aufgehalten hatte und keine Fahrten zum Kraftwerk gehabt hatte, keine einzige. Und was ist mit den 57 Tagen, die er im dritten Reaktorblock verbracht hatte? Was mit den zermürbenden Kopfschmerzen am Morgen, der trockenen Kehle, der täglichen Arbeit inmitten der Atemreaktoren viele Stunden lang? Auf diese Fragen gab das Papier keine Antwort. Und es konstatierte eine kleine Verstrahlungsdosis - 1,2 Bq/Äquivalentdosis.

Die nächsten Fragen schickte Alexej Alexejewitsch 1992 und 1993 an das Verteidigungsministerium. Eine Antwort bekam er 1996, wobei eine zur ersten völlig entgegengesetzte. Dieses Mal erkannte man schon drei Fahrten zum Kraftwerk an, je eine pro Monat. Auch die Verstrahlungsdosis hatte sich erhöht - 9,04 Bq/Äquivalentdosis. Die letzte Anfrage schickte Alexej Jazun 1999 nach Kiew. Das Schreiben, das er 2001 vom Verteidigungsministerium erhielt, lautete, dass neue Umstände aufgedeckt worden waren, angesichts derer alle vorhergehenden Bescheinigungen für ungültig erklärt werden. Nach der neuen Version hielt sich Alexej Alexejewitsch 68 Tage direkt im Kraftwerk auf: 23 Tage im September, 29 im Oktober und 16 im November. Wie konnte das sein, wenn im Wehrdienstausweis als Abreisedatum aus Makejewitsch der 21. September stand? Von 23 Tagen konnte gar nicht die Rede sein. Und wo bleibt hier die Wahrheit, wenn im Wehrdienstausweis schwarz auf weiß stand, dass die Dauer des Aufenthalts im Tschernobyler AKW 57 Tage war. Und in der nächsten Bescheinigung stehen dann schon 68 Tage? So eine Bescheinigung gibt, vorsichtig ausgedrückt, Anlass zum Verdacht und ist natürlich keinerlei Berechtigung für irgendwelche Vergünstigungen.

Todesqualen des Lebens

Verzweifelt nach 15 Jahren des Wartens darauf, Gerechtigkeit und die notwendige Hilfe vom Staat zu bekommen, kaufte sich Alexej Alexejewitsch einen Tschernobyler-Ausweis, "bei sich selbst", wie er sich ausdrückt. Dieses "Vergnügen" kostete ihn 500 Dollar - und drei Jahre schwerer Arbeit auf Müllhalden und Abbauhalden, wo er Metall ausgrub, um es dann an Sammelstellen abzugeben. Übrigens ist der Ausweis von Jazun echt, mit allen entsprechenden Stempeln und Unterschriften der Amtspersonen: man kann sich nur über die Gefühllosigkeit der Menschen wundern, die kaltblütig mit fremdem Leid handeln.

Aber auch dieser verzweifelte Schritt half ihm nicht: Wie auch zuvor wird Alexej Alexejewitsch nicht kostenlos im Krankenhaus behandelt, man zahlt ihm keine Sozialleistungen, er bekommt keine Hilfe, da der Ausweis für ungültig erklärt wurde, wegen dem Fehlen eben jener berüchtigten Bescheinigung. Und in der Zwischenzeit ist sein Blutdruck 280/150, aus der Nase läuft das Blut "oft in Strömen", wie er sagt, er hat Gedächtnisstörungen, eine gestörte Motorik, leidet unter starken Kopfschmerzen, "das Fleisch steht von den Knochen ab" (seine Worte). Im Krankenhaus gibt man ihm die zweite Invalidengruppe und gibt als Grund an "Eigenerkrankung".

"Von welcher Eigenerkrankung kann die Rede sein?," regt sich Alexej Alexejewitsch auf. "Ich bin ein Tschernobyler, ich habe meine Gesundheit dort gelassen, deswegen ist mein ganzes Leben aus dem Gleis gelaufen, und ich bekomme vom Staat nicht einmal eine medizinische Behandlung? Und was soll ich denn tun?

Mit dieser Frage wendeten wir uns an den Vorsitzenden der öffentlichen Vereinigung "Verband "Tschernobyl" Alexej Pawlow, wobei wir ihn zunächst über die Vorgeschichte unseres Helden informierten.

"Leider sind solche Geschichten keine Seltenheit", sagte uns Alexej Pawlow. Die Leute warten jahrelang darauf, einen Status zu erhalten, bekommen schwer verständliche schriftliche Bescheide, sie verzweifeln und verlieren jede Hoffnung darauf, doch noch irgendwann Gerechtigkeit zu bekommen. Aber dieser Fall ist ein Präzedenzfall in jeder Hinsicht. Ich rate Alexej Jazun, zu uns zu kommen: Über die Volksdeputierten erreichen wir eine korrekte, zuverlässige Antwort. Wenn nötig, werden wir seine Interessen vor Gericht vertreten und versuchen, innerhalb eines Monats, alle Dokumente neu zu erhalten. Diese Leute, die einem kranken Mann, einem halben Bettler, einen Ausweis verkauft haben, das sind herzlose Kreaturen, die weder Gottes Gericht, noch das des Menschen fürchten: ihre Handlung kann mit dem Wort "Schmiergeld" bezeichnet werden.

Alexej Jazun erzählte auch andere schreckliche Geschichten aus seiner Biographie: Man schlug ihn unweit vom Verteidigungsministerium zusammen und bei der Miliz der Hauptstadt nähte man seine aufgeplatzte Stirn wieder zusammen und riet ihm, wieder dorthin zu verschwinden, wo er hergekommen war; man kam abends zu ihm und forderte ihn auf, den Ausweis abzugeben; und drohte ihm mit einer Haftstrafe für das Fälschen von Dokumenten. Wir haben unsere Aufmerksamkeit nicht auf diese Momente gerichtet, weil es dafür keine Zeugen gibt. Aber die Papiere und den Ausweis der "Abendbesucher " haben wir mit unseren eigenen Augen gesehen und haben dort jeden Buchstaben geprüft - genauso wie wir uns mit dem ehemaligen Chef des Tschernobylers getroffen haben, der den äußerst schlechten Zustand seines damaligen Fahrers bestätigte.

Wir waren auch in den Krankenhäusern, wo alle Diagnosen des Alexej Alexejewitsch bestätigt wurden. Aber wem nützt das?

"Als man uns nach Tschernobyl schickte," erinnert sich Alexej Alexejewitsch "sagte der Oberst: "Für Verweigerung acht Jahre Gefängnis". Mein Gott, lieber wäre ich ein unschuldig Schuldiger, hätte die acht Jahre abgesessen und würde schon seit neun Jahren ein menschliches Leben führen. Jedes Leben, sogar mit Räubern und Mördern, kann manchmal besser sein, als diese schrecklichen Leiden in Freiheit.

Mit freundlicher Genehmigung von der Homepage http://www.chernobylinfo.com/ übernommen.

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Letzte Aktualisierung am 2006-11-12, Gerlinde Fischer. Kontaktadressen