![]() Home |
Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V. |
Bericht des Liquidators Konstantin Nikolaewitsch SlavWie bin ich unter die Armutsgrenze gekommen? Ich, Konstantin Nikolaewitsch Slav bin in einer großen Familie geboren. Mein Vater Nikolaj Wassilewitsch hat sein ganzes Leben lang in der Traktorbrigade der Kolchose "Lenins Vermächtnis" gearbeitet. Er war ein starker Mensch, willensstark und dabei großzügig und gut. Meine Mutter Justinja Sergeevna war Mutter von sieben Kindern (sie starb sehr früh, vier Kinder gingen noch zur Schule) und schaffte es, in der Schule zu arbeiten und uns großzuziehen. Auch jetzt noch haben meine Geschwister und ich die Angewohnheit, ordentlich zu sein, sowohl bei Dingen und Handlungen, als auch bei unserer Kleidung. Auch heute noch fühle ich mich unwohl, wenn ich einen Fleck auf meiner Kleidung habe oder der Kragen meines Hemdes nicht sauber ist. Meine Mutter ist seit langer Zeit nicht mehr da, aber selbst heute noch höre ich ihre Stimme: "Mein Sohn, das kannst Du nicht machen, was werden die Leute über uns denken? Du bist ein guter Junge, enttäusche mich nicht". Jetzt, seit ich Invalide bin, denke ich oft darüber nach, wir richtig uns unsere Eltern erzogen haben. Bei meinem Vater kam an erster Stelle die Kolchose, die Traktorbrigade, bei meiner Mutter die Schule, ihre Arbeit. Sie und dann wir, ihre Kinder, haben eine Gesellschaft aufgebaut, die Kommunistische Gesellschaft, in der jeder gleich ist, die gleichen Rechte und das gleiche Wohlergehen hat. Ich kann heute nicht sagen, dass mein Vater keinerlei Gedanken an privates Eigentum gehabt hätte. Er schimpfte über die Kolchosenleitung: "Gibt es keinen Eigentümer für den Boden, gehört er allen gemeinsam, dann gehört er niemandem!". Ich weiß nicht, wie die Leute im Westen den Ausdruck "Gefühl des Kollektivismus" verstehen. Jetzt gerät dieses Wort allmählich in Vergessenheit. Früher war es eine Schande, auch nur an Privatbesitz zu denken. An erster Stelle stand das Arbeitskollektiv, eine Zelle des Staates (man beachte, nicht die Familie, sondern das Arbeitskollektiv, eine Zelle des Staates). Im Westen haben uns viele nicht verstanden, wie ist es möglich, ohne privates Eigentum zu leben. Aber wir haben gelebt und daran geglaubt, dass der Staat, das Arbeitskollektiv, an erster Stelle stand und dann das Private und Persönliche. So erzogen uns unsere Eltern und so wurden wir in der Schule erzogen. Ich erinnere mich immer noch daran, wie wir mit der ganzen Klasse einen Ausflug in die Umgebung unseres Dorfes machten. Die Lehrerin begann über unsere Zukunft zu sprechen: "Ich beneide Euch junge Leute, ihr werdet im Kommunismus leben. Es ist zu schade, dass ich dann schon alt sein werde." Wir haben sie dann gefragt: "In wie vielen Jahren wird es den Kommunismus geben?" - "Ich weiß nicht, antwortete sie, "ich denke in etwa zwanzig Jahren". "Eine lange Zeit" dachten wir. Vielleicht habe ich schon damals, als ich glaubte, dass wir in zwanzig Jahren im Kommunismus leben würden, die "Armutsgrenze" erreicht? Warum musste ich diese Armutsgrenze erreichen? Ich habe doch versucht, mein Leben besser zu gestalten. Ich habe versucht, in der Schule besser als alle anderen zu lernen (ich war der Gruppenleiter einer Pionierorganisation, dann der Sekretär der Komsomol-Organisation). Das war nicht einfach für einen Jungen aus einer Großfamilie. Ich war ja der älteste in unserer Familie. Das bedeutete, dass ich für meine jüngeren Geschwister sorgen musste, da meine Eltern ja von früh morgens bis spät abends arbeiteten. Außerdem hatte jeder Kolchosenbauer eine kleines Stück Land zur privaten Nutzung, da man in einer Kolchose kein Geld, sondern Arbeitstage verdiente. Pro Arbeitstag erhielt der Kollektivbauer einen spärlichen Geldbetrag und den anderen Teil erhielten wir am Jahresende in Form von Naturalien (Weizen, Mais und Gemüse). Es reichte nicht, um die Familie zu ernähren, deshalb versuchte jeder, zusätzlich ein Stück Land zu bewirtschaften. Häufig machten die Kinder die Arbeit in dieser kleinen Landwirtschaft, da die Eltern nach der Arbeit in der Kolchose weder die Kraft, noch die Zeit, noch die Gesundheit dazu hatten. Ich wurde schneller erwachsen als meine Altersgenossen. Bereits nach Abschluss der 8. Klasse hatte ich das feste Ziel, schnell einen Beruf zu erlernen und zu arbeiten anzufangen, damit ich meinen Eltern als ältester Sohn mit irgendetwas helfen könnte. Ich besuchte also, um Lehrer zu werden, die Anton Semjonowitsch Makarenko-Pädagogik-Schule. Nach Abschluss der Schule 1973 wurde ich zum Wehrdienst in die Sowjetarmee eingezogen. Den Wehrdienst leistete ich in Baschkirien in einer Sondereinheit der UFA-Garnison. Vor meinem Ausscheiden stand ich wieder vor der Frage, wie es weitergehen sollte. In den vier Monaten, in denen ich in der Schule gearbeitet hatte, bevor ich zur Armee musste, war mir klar geworden, dass ich als Lehrer der Grundschulklassen mit einem Gehalt von 80 - 100 Rubel weder meinem Vater und meinen Geschwister helfen, noch selbst davon leben könnte. In der Armee habe ich mit Männern aus dem Donbass-Gebiet gedient, viele von ihnen wurden meine Freunde. Sie haben mir von der Grubengegend erzählt, von ihrem mutigen Beruf des Bergarbeiters. Ich bin mit Freunden in das Donbass-Gebiet gefahren, um eine Arbeit in einem Bergwerk zu finden. Ich habe den Beruf des Bergarbeiters erlernt, habe in den gefährlichsten Bereichen gearbeitet (Schachtarbeit, Streckenvortrieb, Sprengarbeiten), weil ich geheiratet hatte, aber keine Wohnung hatte, Hilfe war von niemandem zu erwarten. Nach einer Weile wurde mir klar, dass egal, wie gut ich arbeiten würde und wie sehr ich mich bemühen würde, es würde nicht reichen, um meine Familie zu versorgen - ich musste studieren, musste wachsen. 1983 habe ich mich am Donezker Polytechnischen Institut für das Abendstudium eingeschrieben. Arbeiten und gleichzeitig studieren ist schwierig. Wir mieteten eine Wohnung in einem kleinen Seitenflügel, wo es nur kleine Fenster gab und es fast immer dunkel war. Unter diesen Bedingungen wuchs unsere Tochter auf. Wir träumten von einem zweiten Kind, aber solange wir keine Wohnung bekommen würden, war das unmöglich. Trotz dieser Schwierigkeiten war ich glücklich. Ich war glücklich, dass ich meine liebe und treue Gefährtin, meine Gattin, immer neben mir hatte und glücklich über unsere wunderbare Tochter. Wir glaubten daran, dass diese Schwierigkeiten nur vorübergehend wären, dass der Tage kommen würde, an dem es besser werden würde. Der regelmäßige Parteitag der Kommunistischen Partei legt alle 5 Jahre den nächsten 5-Jahresplan für die Entwicklung der Volkswirtschaft fest. Viele von uns glaubten daran, dass das Leben in den nächsten 5 Jahren besser werden würde, dass jede sowjetische Familie in einer eigenen komfortablen Wohnung leben würde, dass man nur durchhalten müsste, besser arbeiten müsste. Am 26. April 1986 kam es zur Explosion im Atomreaktor von Tschernobyl. Die Welt hatte bisher keinen technisch bedingten Unfall diesen Ausmaßes gesehen. Wahrscheinlich wurde nach diesem Unfall der Sowjetisch-Amerikanische Dialog über den Abbau von Nuklearwaffen intensiver. Vielen Menschen auf unserem Planeten wurde bewusst, dass es bei einem Atomkrieg keinen Gewinner geben kann. Diese Tragödie hat auch große Veränderungen für mein Leben und meine Familie gebracht. Im September 1987 wurde ich zu einem militärischen Sondereinsatz zur Beseitigung der Folgen der Explosion im Atomreaktor von Tschernobyl eingezogen. Laut damals geltender Gesetzgebung waren Männer, die den Wehrdienst abgeleistet hatten, bis 45 Jahre zum Militärdienst verpflichtet und wurden zu verschiedenen Militäreinsätzen gerufen, wo man neue militärische Techniken erlernte oder Weiterbildungen absolvierte. Das Schreiben für den militärischen Einsatz wurde vom Militärkommissariat nachts ausgeliefert (ich war in der Arbeit) und meiner Frau ausgehändigt. Laut Anweisung in diesem Schreiben, sollte ich am nächsten Morgen beim Militärkommissariat erscheinen. Als ich beim Militärkommissariat erschien, erfuhr ich, dass unsere Einheit in vier Stunden zu einem militärischen Einsatz geschickt werden würde. Ich unterschrieb, dass, wenn ich mich weigern würde, ich strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden würde. Vier Stunden später verabschiedeten uns unsere Familien so, als würden wir in den Krieg ziehen. Alle vermuteten, dass der Militäreinsatz im Tschernobylkraftwerk sein würde. Ich kam in ein Pionierbatallion des Militärbereichs Nummer 53893. Unsere Einheit hatte die Aufgabe, sich mit der Liquidierung der Folgen des Reaktorschadens in den unterirdischen Räumen des Kraftwerks zu beschäftigen. Nach der Explosion im vierten Reaktorturm, gab es ein Feuer, das lange mit Wasser gelöscht wurde. Als Folge davon, war radioaktives Wasser tief in die Versorgungsräume im Untergrund des Kraftwerks gesickert. Nachdem das Wasser abgepumpt worden war, wiesen alle unterirdischen Räume eine starke Strahlung auf. Um die Radioaktivität auf zulässige Normen abzusenken, mussten die Soldaten unserer Einheit, den radiaktiven Beton mit Presslufthämmern abtragen, dann die Räume mit Blei verkleiden und schließlich erneut betonieren. In manchen Räumen war die Strahlung so hoch, dass man diese Arbeit zwei-dreimal wiederholen musste, um eine zulässige Strahlung zu erreichen. Alle "Liquidatoren" (so nennt man uns jetzt), die vom Reaktordach mit ihren Händen radioaktiven Kohlenstoff einsammelten und herunterwarfen, die den "Sarkophag" bauten, die den radioaktiven Beton unter dem Kraftwerk herausstemmten und jeder, der im Umkreis von 30 km arbeitete, glaubte und wusste, dass wir nicht nur das Kraftwerk, sondern auch die ganze Ukraine und die Nachbarstaaten in Europa vor einer radioaktiven Verseuchung retten würden. Schätzungen von Wissenschaftlern zufolge wurde als Folge des Tschernobyl-Unfalls 100 Mal mehr radioaktive Substanz in die Atmosphäre geschleudert als bei Hiroshima und Nagasaki im zweiten Weltkrieg. Ein großer Teil der radioaktiven Substanz wurde von den "Liquidatoren" abgetragen und in "Grabstätten" vergraben. Damals war uns noch nicht bewusst, dass wir uns viele Jahre lang in Krankenhäusern gegenseitig treffen würden und dass wir viele Freunde beerdigen würden. Die Sowjetunion ist zerbrochen. Die Ukraine, Belarus und Russland sind die drei Republiken der früheren UdSSR, die am meisten unter dem Unfall gelitten haben, jeder war alleine mit seinem Leid. Die Ukraine ist ein junger, unabhängiger Staat und aufgrund des Zerfalls der Wirtschaft noch nicht in der Lage, den "Liquidatoren" die notwendige soziale Unterstützung zu geben. Wir hegen keinen Groll gegen unsere Regierung, aber viele von uns wurden Invaliden, viele haben die Arbeit verloren, nicht jeder bekommt eine magere Rente, die bei vielen nicht einmal 80 Dollar beträgt. Für mich als Mann, ist es schwer, um Hilfe für mich und meine Familie zu bitten, obwohl es manchmal auch beleidigend ist, wenn ich den Eintrag im Arbeitsbuch lese: "Entlassen wegen festgestellter unzureichender Arbeit aufgrund des Gesundheitszustands, der eine Fortsetzung der gegebenen Arbeit nicht möglich macht." Da ich die Möglichkeit, im Bergbau mit meinem Diplom als Bergbauingenieur weiter zu arbeiten verloren habe, habe ich wieder in der Donezker Schule Nr. 20 zu arbeiten angefangen. Nachdem ich ein Jahr lang als Lehrer für Arbeitspraxis gearbeitet hatte, war ich gezwungen aufzuhören, da ich häufig während des Unterrichts das Bewusstsein verlor, was die Kinder sehr erschreckte. Jetzt bin ich in der Invalidengruppe Nr. 3, was für uns eine Gruppe ist, mit der man arbeitsfähig ist, aber niemand gibt mir Arbeit. Sobald man erfährt, dass ich ein "Liquidator" bin und mindestens vier Mal im Jahr ins Krankenhaus muss, lehnt man mich sofort ab. Ich kenne die Antwort auf diese Frage nicht: "Wie bin ich an unter die Armutsgrenze gekommen?" Nachdem ich von Tschernobyl zurückgekehrt war, fing ich an, häufig krank zu sein, weshalb ich auch mein Institut ein Jahr später als geplant abschließen konnte. Karriere in der Arbeit habe ich nicht gemacht. Ich bereitete mich darauf vor, der Chef einer Grubeneinheit zu werden. Ich schloss Kurse für den stellvertretenden Leiter einer Grube am Makejevkaer Wissenschaftlichen Forschungsinstitut ab. Ich schloss Kurse am Donezker Wissenschaftlichen Kohle-Forschungsinstitut ab (alle mit Auszeichnung). Aber bald musste ich für fast ein halbes Jahr ins Krankenhaus. Und nachdem ich eine Invaliditätsstufe zugeteilt bekam, habe ich aufgehört, von einer beruflichen Karriere zu träumen. Die einstige Großmacht, die Sowjetunion konnte unter der Führung der Kommunistischen Partei leicht die Menschenmassen im Namen des Aufbaus einer zukünftigen kommunistischen Gesellschaft narkotisieren und wir haben für unsere Arbeit eine Ehrenurkunde im Namen der Partei oder die Genehmigung für Wohnraum erwartet. Leider wurde nicht nur ich so getäuscht. Seit langem sind früher geheime Dokumente bekannt, die die Beseitigung der Folgen im Atomkraftwerk Tschernobyl betreffen, aber in anderen Ländern kennt man nicht die ganze Wahrheit über die "Liquidatoren". Ich schreibe nicht nur für mich, sondern auch im Namen anderer "Liquidatoren". Viele von uns glauben nicht, dass irgendjemand auf dieser Welt uns noch helfen kann. Ich werde sogar damit zufrieden sein, wenn die Menschen in einem anderen Land von uns erfahren. Wenn Sie diesen Brief bis zum Ende durchlesen, dann danke ich Ihnen sehr.
Mit freundlichen Grüßen Konstantin Slav
Mit freundlicher Genehmigung von der Homepage http://www.chernobylinfo.com/ übernommen. |
Tschernobyl-Katastrophe Berichte und Bilder
|