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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V.


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Der Flug des Kranichs

Humanitäre Hilfe für Weißrußland nach der Katastrophe von Tschernobyl

Ein Einblick mit Ausblick

Vorwort

Wenn man irgendwo in Weißrußland an einer dieser endlos erscheinenden Straßen steht, nur umgeben von der unendlichen Weite, dann glaubt man manchmal einen leise, trompetenhaften Schrei zu hören 1.Den Schrei des Kranichs, der seit dem 26. April 1986 über diesem Land seine Bahnen zieht.

Am 26. April 1986 ereignete sich im ukrainischen Atomkraftwerk "Lenin" bei Tschernobyl der bis heute größte Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie. Über den Hergang des Unfalls und über die technischen Besonderheiten und Mängel dieses Atomkraftwerkes gibt es eine Vielzahl von Büchern und Internetseiten2, so daß ich hier darauf nicht näher eingehen werde.

Als Folge dieses Unfalls wurden große Landflächen in den damaligen Sowjetrepubliken Weißrußland, Ukraine und Rußland kontaminiert3. Am stärksten ist das heutige Weißrußland betroffen, ein großer Teil des Landes wurde kontaminiert. Eine Vielzahl von Menschen mußten aus den kontaminierten Gebieten umgesiedelt werden. Ca. 600.000 Menschen4 (Andere Quellen sprechen von bis zu 800.000 Menschen5) wurden als sog. Liquidatoren mit Aufräum- und Sicherungsarbeiten am zerstörten Reaktor beschäftigt, darunter sowohl Soldaten als auch Zivilisten; Männer und Frauen. Viele von ihnen wurden hoher Strahlung ausgesetzt, so daß sie erkrankten und eine etliche auch starben3. Noch einmal lief der Sowjetische Verschleierungsapparat an und versuchte, um jeden Preis, die Einzelheiten zu verschleiern.

Die Gesamtkosten der Tschernobyl-Katastrophe bis 2015 werden auf 235 Mrd. US$ geschätzt6. Ein mehrfaches des derzeitigen jährlichen Bruttosozialprodukts Weißrußlands. Und, das sind nur die Kosten als Folgen der Reaktorkatastrophe, die Probleme die aus dem Zerfall der Sowjetunion und dem damit verbundenen Umbau des Wirtschafts- und Gesellschaftssystem entstehen, sind hier noch nicht berücksichtigt. Dieses Land ist nicht in der Lage, die Folgen dieser Katastrophe, die sich ja noch nicht einmal im eigenen Land ereignet hat, zu überwinden. Hier ist Hilfe und Unterstützung aus dem Ausland notwendig.

Einblick

Foto von einer Kindererholungsmaßnahme 1998, ca. 15kB

Sobald es die politischen Umstände zuließen, begann die Internationale Hilfe für die Opfer der Tschernobyl-Katastrophe. Insbesondere die Kinder, welche in einer kontaminierten Umgebung aufwachsen mußten, erweckten das Mitleid von Menschen überall auf der Welt. Viele tausend Kinder wurden seither zu Kindererholungsmaßnahmen rund um den Globus eingeladen. Gleichzeitig versuchte man mit Hilfsgütern und Projekten unmittelbar vor Ort zu helfen. Viele Organisationen wurden gegründet, Kongresse und Tagungen veranstaltet; eine Vielzahl von Projekten wurde entwickelt.

Es gab aber auch einige Auseinandersetzungen innerhalb der Tschernobyl-Bewegung. Gegenseitige Vorwürfe, Vorurteile und schlechte Absprachen sorgten immer wieder für Probleme. Und auch die Verwicklungen einiger Personen in die weißrussische Politik haben immer wieder für Diskussionen gesorgt (Und selbstverständlich behaupten alle beteiligten, daß nur ihre Seite recht hat). Die Energie, die hier verschwendt worden ist, hätte man besser zur Entwicklung neuer Projekte einsetzen sollen.

Heute wird die Tschernobyl-Hilfe in Deutschland hauptsächlich von einer Vielzahl von kleinen, unabhängigen Hilfsorganisationen getragen. Schon sehr bald kam die Idee auf, die Kräfte zu bündeln und einen Dachverband zu gründen, in dem alle Tschernobyl-Organisationen vereint sind. Es hat sich jedoch gezeigt, das diese Idee nicht durchführbar ist, da die Ansichten über Hilfsmaßnahmen, Partner und Formen der Zusammenarbeit bei einigen Organisationen zu gegensätzlich sind. Auch die unterschiedliche "Herkunft" (aus der Umweltbewegung, den Kirchen, Hilfsorganisationen, usw.) ist ein Hindernis, Es gibt zwar einige Organisatsionen, die sich selbst als Dachverbände für Tschernobyl-Hilfe bezeichnen, die größten sind die Bundesarbeitsgemeinschaft "Den Kindern von Tschernobyl" und der Deutsche-Verband für Tschernobyl-Hilfe (DVTH)7, jedoch vertreten sie beide nur einen Teil der Tschernobyl-Organisatsionen.

Heute sind die Tschernobyl-Organisationen in erster Linie durch ein lockeres "Netzwerk" aus gegenseitigen Kontakten und gelegentlicher Zusammenarbeit verbunden, aber so etwas wie eine zentrale Koordinierung findet nicht statt. Dies hat zwar einige Nachteile (z.B. bei der Durchführung größerer Projekte, und wenn sich die Einflußbereiche mehrere Organisationen überschneiden), jedoch auch den Vorteil einer enormen Flexibilität, da jede Gruppe schnell und unkompliziert Entscheidungen treffen kann. Dennoch, ein stärkerer Informationsaustausch und mehr Zusammenarbeit innerhalb der Tschernobyl-Bewegung sind meiner Meinung nach durchaus wünschenswert.

Ich werde im folgenden einige ausgewählte Projekte/Möglichkeiten der Hilfe für Weißrußland und die Tschernobyl-Region beschreiben.

Kindererholungsmaßnahmen in Deutschland
Die wohl am weitesten verbreitete Form der Hilfe. Sehr viele Organisationen führen mehr oder weniger regelmäßig Kindererholungsmaßnahmen in Deutschland durch. Dazu wird meistens eine Gruppe von Kinder einer bestimmten Altersgruppe nach Deutschland eingeladen. In Deutschland werden sie dann in Freizeitheimen, Jugendhäusern oder auch in Gastfamilien untergebracht. Dahinter steckt die Idee, daß die Kinder sich durch einen Aufenthalt in einer sauberen, nicht-kontaminierten Umgebung die Möglichkeit haben, sich geistig und körperlich zu erholen. Dadurch soll sich der gesamte Gesundheitszustand der Kinder verbessern.

Heute ist die Kindererholungsmaßnahme das Standardprojekt in der Tschernobylhilfe. In vielen Jahren der Praxis hat sich gezeigt, das der Aufenthalt im Ausland für die Kinder sehr positiv ist. Ein gravierendes Problem bei Kindererholungsmaßnahmen sind die hohen Kosten, die je nach Dauer, Anreise und Unterbringung der Kinder weit über 1000 DM pro Kind betragen. Für die meist kleinen Tschernobyl-Organisatsionen ist die Beschaffung dieses Geldes sehr häufig ein großes Problem.8

Ein weiteres Problem ist, daß die meisten deutschen Tschernobyl-Initiativen auch nicht in der Lage sind, Erholungsmaßnahmen für behinderte Kinder (oder andere Kinder, die eine besonders intensive Betreuung benötigen) zu organisieren. Dieser Mehraufwand ist meist weder finanzierbar noch mit den vorhandenen, meist ehrenamtlich tätigen Helferinnen und Helfern zu bewältigen.

Kindererholungsmaßnahmen in Weißrußland
Der Speisesaal im Kinderzentrum Nadeshda
Die Idee ist hierbei ähnlich wie bei den Kindererholungsmaßnahmen in Deutschland: Kinder aus den kontaminierten Gebieten sollen sich in einer "sauberen" Umwelt erholen. Nur diesmal in nicht-kontaminierten Gebieten Weißrußlands. Die Vorteile liegen klar auf der Hand:

  • die hohen Reisekosten entfallen
  • die Unterkunftskosten sind geringer

Aber, wie immer im Leben, gibt es auch Nachteile. Insbesondere die Versorgung der Kinder mit sauberen Nahrungsmitteln und sonstigem Materialien (Kleidung, Spielzeug, Sportgeräte) muß gewährleistet sein. Daneben trägt auch die Bürokratie in allen Ländern ihren Teil dazu bei, daß es Probleme gibt. Ein weiterer Punkt ist auch die häufige Angst bei deutschen Organisationen (und ihren Mitgliedern) das Gelder irgendwo in dunklen Kanälen versickern könnte. Hier spielen gelegentlich auch Vorurteile eine gewisse Rolle.

Kindererholungsmaßnahmen in Weißrußland sind, insbesondere wegen der verhältnissmäßig geringen Kosten pro Kind, eine interessante Variante der Hilfe. Allerdings ist der Aufbau einer eigenen Einrichtung in Weißrußland für eine einzelne Organistation kaum möglich, hier ist Zusammenarbeit gefragt. Es gibt bereits einige interessante Projekte; das wohl bekannteste ist das Kinderzentrum Nadeshda bei Wilejka, welches gemeinsam von 3 Deutschen (Männerarbeit der EKD, Männnerarbeit Westfalen, Leben nach Tschernobyl e.V., Frankfurt/Main) und 2 Weißrussischen Organisationen (Fonds "Leben nach Tschernobyl", Minsk; Weißrussisches Ministerium für Notstandsangelegenheiten) betrieben wird. In dem Zentrum finden ganzjährig Maßnahmen für sehr viele Kinder statt.9

Hilfstransporte
Hilfstransporte nach Weißrußland. Meistens werden Kleidung, Medikamente, medizinisches Gerät, Nahrungsmittel und/oder Spielzeug nach Weißrußland transportiert. Gelegentlich gibt es auch Lieferungen von Baumaterial und Möbeln. Die Transporte werden auf sehr vielfältige Methoden durchgeführt, angefangen von Packetsendungen über Fahrzeugkonvois bis hin zu Großtransporten per Bahn. Alle Methoden haben ihre Vor- und Nachteile, ein pauschales Urteil ist hier weder möglich noch sinnvoll. Eine Hürde bei der Organisation von Hilfstransporten ist eine in allen Ländern bekannte Behörde: der Zoll. Lange Warteschlangen an den Grenzen, irrwitziger Papierkram und gelegentlich auch sehr unlogische Vorschriften können sehr frustrierend wirken; besonders wenn man gerade erst angefangen hat, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Allerdings hilft eine sorgfältige Planung und frühzeitige Kontaktaufnahme mit den Behörden meist schon ein ganzes Stück weiter, den richtigen Stempel zu bekommen. Es gibt zwar überall schwarze Scharfe, aber die meisten Beamtinnen und Beamten der Zollbehörden sind durchaus freundlich und hilfsbereit.

Foto von einem Hilfstransport 2001, ca. 34kB
Weitere Probleme treten auf, wenn zwischen der Deutschen und der Weißrussischen Seite nicht abgesprochen wird, was überhaupt benötigt wird. Nicht jede gut gemeinte Sendung macht Sinn (z.B. Spielzeug im Altersheim?). Hier ist, insbesondere bei medizinischen Geräten und Medikamenten, im Vorfeld eine Absprache notwendig, wer was überhaupt benötigt. Eine Selbstverständlichkeit sollte es sein, nur brauchbare Hilfsgüter zu entsenden. Schrott gehört zur Entsorgung, und nicht in einen Hilfstransport. Insbesondere bei Kleiderspenden tritt das Problem der unbrauchbaren Sachen immer wieder auf.10 Hier ist es sehr wichtig, den Spenderinnen und Spendern zu sagen, das ihre Spenden auch wirklich an Menschen verteilt werden, und nicht irgendwo zu Putzlumpen o.ä. verarbeitet werden, was ja auch oft genug vorkommt. Auch die Zusammenarbeit einiger Organisatsionen mit kommerziellen Sammelfirmen ist meiner Meinung nach nicht sehr sinnvoll, insbesondere wenn im Einzugsbereich einer "fremden" Organisation gesammelt wird.

Ausblick

Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider.
Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft,
während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung,
sie paßten auch heute noch
George Bernhard Shaw, irischer Dramatiker, 1896-1970

Der Flug des Kranichs geht weiter, und der Mensch kennt weder den Weg noch das Ziel. Die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe werden noch viele Jahrzehnte lang spürbar sein. Dennoch, niemand kennt die Zunkunft. Wie das gesamte Universum ist auch die Tschernobyl-Region einem ständigen Wandel unterzogen. Ein Wandel, der manchmal sehr langsam abläuft, um dann wieder, plötzlich und unvorhersebar, mit hoher Geschwindigkeit durchzustarten.

Es ist notwendig, sämtliche Hilfsprojekte ständig zu überdenken, zu überarbeiten und weiterzuentwickeln. Die Situation in den betroffenen Gebieten ändert sich ja auch ständig. Die "Kinder von Tschernobyl" werden erwachsen. Sie haben neue Probleme. Genveränderungen durch die Strahlung11, Arbeitslosigkeit, Hoffnungslosigkeit und eine weit verbreite Angst vor der Zukunft sind nur einige Probleme dieser Generation. So muß es eine Hilfe geben, die zwar anders organisiert aber doch genauso notwendig ist. Von der Katastrophe in Tschernobyl sind nicht nur die Menschen einer Generation betroffen. Noch sehr viele Generationen werden unter Tschernobyl zu leiden haben, Menschen, die nie eine Wahl hatten, und die auch nie gefragt wurden, was sie von Atomkraft überhaupt halten.

Auch in der Tschernobyl-Hilfe wird es irgendwann einen Umbruch geben müssen. Neue, junge Menschen müssen für die Mitarbeit gewonnen werden,und auch neue Projekte entwickelt werden.

Ich wünsche mir, das in der Tschernobyl-Bewegung eine unvoreingenommene und nicht von alten Vorurteilen oder Ansichten behinderte Diskussion über die Zukunft der Tschernobyl-Arbeit stattfindet, auf allen Ebenen und zwischen allen Beteiligten. Eine Diskussion, an der sich jeder Mensch, egal ob jung oder alt, ob aus Deutschland oder aus Weißrußland, beteiligen kann.

Irgendwann, in ferner Zukunft, wird der Kranich landen, um sein Nest zu bauen. Und seine Jungen werden eines Tages hinausfliegen in die Welt. In eine Welt, in der Friede, Freundschaft und Nächstenliebe herrschen. Irgendwann einmal, ganz sicher....


Anmerkungen:

Ich danke Ina Schaper, Janin Verena Müller, Anja Neuhaus und Andreas Neshau für ihre zahlreichen Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge.

In diesen Anmerkungen gibt es viele Links auf die Homepage der Tschernobyl-Initiative in der Propstei Schöppenstedt e.V. Dies hat den einfachen Grund, das ich selbst Mitglied dieses Vereins bin. Es gibt im Netz selbstverständlich auch noch viele Berichte von anderen Organisationen.

Kai Boever
E-mail:kboever@yahoo.de

  1. vgl. Mezzatesta, Francesco: Die Vogelwelt Europas, Südwest-Verlag München 1995, ISBN 3-717-00875-3, S. 265f
  2. Eine Literaturliste zum Thema Tschernobyl und Weißrußland gibt es unter http://tschernobyl-initiative.welcomes-you.com/katastrophe/literatur.html
    Eine Linkliste gibt es unter http://tschernobyl-initiative.welcomes-you.com/dienste/links.html
  3. Als Kontamination bezeichnet man das Verunreinigen eines Objekts, Lebewesens oder der Umwelt mit Mikroorganismen, chemischen oder radioaktiven Substanzen. Häufig wird auch der Begriff "Verseuchung" gebraucht, jedoch gibt es einen Streit darüber, ob die Verwendung dieses Begriffes für nicht-biologische Kontamination sprachlich korrekt ist. Ich habe im Text durchgängig den Begriff "Kontamination" verwendet.
  4. vgl. AEN-NEA-Studie: Facts, Thoughts and Lessons from the Chernobyl Accident
  5. vgl. www.medicine-worldwide.de: Tschernobyl
  6. vgl. Malko, Michael; Wohlfarth, Horst: Die Katastrophe von Tschernobyl - eine Bilanz fünfzehn Jahre nach dem Unglück, in: Braunschweige Beiträge 95 1/2001, S. 35-40
  7. Deutscher Verband für Tschernobyl-Hilfe, Siemensstr. 18, D-85521 Ottobrunn
    BAG "Den Kindern von Tschernobyl" in Deutschland e.V., ESG-Haus, Breul 43, 48143 Münster
  8. Berichte über eine Kindererholungsmaßnahmen gibt es unter http://tschernobyl-initiative.welcomes-you.com//kinder/kinder.html
  9. Informationen zu Nadeshda gibt es unter http://www.leben-nach-tschernobyl-ev.de/
    und http://www.nadeshda-by.de.vu/
  10. Berichte über Hilfstransporte gibt es unter http://tschernobyl-inititative.welcomes-you.com//massnahmen/massnahmen.html
  11. vgl. Zippe, Markus: Tschernobyl und die Langzeitfolge, TAZ vom 10.05.2001, S. 10, Online: http://www.taz.de/pt/2001/05/10/a0067.1/text
Tschernobyl-Katastrophe

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Letzte Aktualisierung am 2006-11-17, Kai Boever. Kontaktadressen