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Tschernobyl-Initiative
in der Propstei Schöppenstedt e.V. |
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Dr.Sulzberger-Gymnasium Bad Salzungen Seminarfacharbeit Nr.:21 Thema:
Informationspolitik unter diktatorischen Verhältnissen am Beispiel der Tschernobyl-KatastropheBetreuer:
Frau Schwärsky Verfasser:
Katharina Drescher Erstellt zum 01. 10. 2003
Weiterhin danken wir Frau Krause, dass sie uns bei der Übersetzung der Umfragen und des Interviews mit einer ukrainischen Lehrerin geholfen hat. Durch ihre sprachliche Unterstützung und Organisation während des Aufenthaltes in der Ukraine, wurde es uns ermöglicht, mit Betroffenen aus Gebieten um Tschernobyl zu sprechen.
Außerdem möchten wir dem Hämbach-Verein "Kinder in Not" unseren Dank, für die Materialien und Informationen über das Heim und Tschernobyl, aussprechen.
EinleitungDiktaturen gab es schon immer und überall:
In solch einer Situation spielt die Informationspolitik eine besonders große Rolle, da sie zur Aufklärung dieser Vorfälle beiträgt. Allerdings ist auch bekannt, dass in einer Diktatur die Medien gelenkt und kontrolliert werden und somit nicht immer zur Wahrheitsfindung beisteuern können. Doch wie reagierte die sowjetische Staatsmacht nach dem Tschernobyl- Unglück? Haben sie wirklich, wie es ihnen bis heute vorgeworfen wird, wichtige Informationen zurückgehalten und Falschaussagen getroffen? Wie wichtig war der sowjetischen Regierung das Leben ihres Volkes, welches sich durch diesen Unglücksfall dramatisch veränderte? Von nun an prägten Todeszonen, radioaktive Strahlung, Evakuierungen, Krankheiten, Sarggeld,... den Alltag der sowjetischen Bevölkerung. Um einen realen Einblick in das heutige Leben der ukrainischen Menschen zu bekommen, besuchte Katharina im Mai 2003 die Ukraine und führte Umfragen und Interviews zur Thematik durch. Dabei stellte sie fest, dass die Menschen auch heute noch unter den Folgen der radioaktiven Strahlung leiden. Für uns stellt sich nun die Frage, ob die sowjetische Regierung eine Mitschuld an dem Ausmaß der Schäden trägt. Die ehemalige DDR war zu diesem Zeitpunkt, wie die Sowjetunion, sozialistisch. Deswegen war es für uns besonders interessant herauszufinden, wie die Informationspolitik in der DDR verlief. Auch das Leben der ostdeutschen Bevölkerung wurde teilweise von der Havarie im Atomkraftwerk beeinflusst. Trotzdem hat es für uns den Anschein, dass das Tschernobyl- Unglück heute in Vergessenheit geraten ist. Kann und darf man aber solch eine Katastrophe wirklich vergessen? 1. Das Tschernobyl-UnglückSeit dem 26. April 1986 hat sich für viele Menschen in der Ukraine, Weißrussland und Russland das Leben dramatisch verändert.Um 1 Uhr, 23 Minuten und 40 Sekunden explodierte der vierte Reaktor des ukrainischen "Lenin"- Atomkraftwerks in Tschernobyl. Es erfolgten zwei Explosionen im Abstand von 40 Sekunden, einige Betroffene berichten sogar von drei Explosionen. Die 1500 Tonnen schwere Abdeckplatte des Reaktors wurde durch den großen Druck in die Luft geschleudert und fiel in das Reaktorgebäude zurück. Das Graphit des vierten Blocks brannte sieben Tage lang und setzte eine Unmenge radioaktiver Strahlung frei, die sich über das ganze Land ausbreitete. Dadurch wurden weite Landstriche der ehemaligen Sowjetunion kontaminiert. Doch auch bis heute ist die wahre Ursache des Unglücks ungeklärt. Es gibt die weit verbreitete Meinung, dass das Kernkraftwerk technische Mängel hatte, was wir allerdings nicht beurteilen können. Eine zweite Version für die Unglücksursache ist ein Bruch der Erdkruste auf dem Territorium des Atomkraftwerks (AKW), was ein Erdbeben zur Folge hatte und dieses Unglück verursachte. Doch auch dieses ist eine geheim gehaltene und nicht bewiesene Variante. Durch die von uns durchgeführten Befragungen in der Ukraine haben wir festgestellt, dass ein Experiment die Hauptursache der Explosion gewesen ist. Demnach wurde ein Versuch durchgeführt, in dem geprüft wurde, wie lange die Turbine mit der Restwärme des abgeschalteten Reaktors weiterläuft. Der Reaktor wurde anfangs zur Leistungsspitze gebracht und anschließend heruntergefahren. Damit man diesen Probelauf aber nicht unterbrechen musste, schaltete man mit Absicht die Sicherheitssysteme außer Funktion. Es kam zum Turbinenstillstand, der Kühlwasserzufluss war eingeschränkt und die automatische Abschaltung unterbrochen. Dadurch entwickelte sich ein Hitzestau und innerhalb von wenigen Sekunden stieg die Leistung des Meilers um ein Vielfaches an. Schon sechs Sekunden nach der Notabschaltung ereignete sich der größte Unfall in der Atomgeschichte - der vierte Block des Atomkraftwerks explodiert.[1] Um die schlimmen Folgen und Schäden der radioaktiven Verstrahlung einzudämmen, wurde eine beispiellose Militäraktion gestartet. 800.000 junge Männer wurden zwangsverpflichtet, die Aufräumungsarbeiten durchzuführen. Die 256 Arbeiter der Nachtschicht, die sich zum Zeitpunkt des Unglücks im Atomkraftwerk befanden, durften dieses nicht verlassen. Während der Explosion und der Löscharbeiten starben, nach offiziellen Angaben, 31 Menschen und weitere zwei- bis dreihundert schwere Krankheitsfälle wurden gemeldet.[2] Die "strahlende" Wolke, welche zwei Kilometer in die Atmosphäre aufstieg, zog über westliche Teile der ehemaligen Sowjetunion in Richtung Mitteleuropa und breitete sich schließlich über die gesamte nördliche Erdhalbkugel aus. 2. Politik2.1 Die DiktaturIn den sozialistischen Ländern, somit auch in der Sowjetunion und der DDR zum Zeitpunkt des Unglücks, herrschten diktatorische Verhältnisse durch die Führung einer kommunistischen Partei (KPdSU und SED)."Die Diktatur ist ein Herrschaftsform, bei der ein Einzelner oder ein Gruppe die unbeschränkte Macht ausübt, auch unter scheinbarer Beibehaltung demokratischer Einrichtungen."[3] Unter einem solchen diktatorischen Regime ist die Presse gleichgeschaltet und wird somit zum Vollstrecker des politischen Willens der Machthaber. Dadurch herrscht eine rigide und verlogene Informationspolitik vor, bei welcher die Meinungsfreiheit systematisch eingeschränkt wird. Häufig werden wichtige und wahrheitsgetreue Informationen, welche aber den Machthabern und ihrer Politik schaden könnten, verheimlicht. Das gesamte Mediensystem gehört den Führenden (Parteien, Massenorganisationen und Einzelherrscher), welche bestimmte Leitungsstrukturen festlegen, an die sich Zeitung, Radio und Fernsehen halten müssen. Sie erhalten Anweisungen, über welche Themen sie in welcher Form berichten dürfen und welche Begriffe und sprachliche Wendungen verboten sind. Die Medien werden somit zu einem politischen "Leitmedium". Journalisten, Autoren und Sänger, die sich gegen dieses System stellen und versuchen, dem Volk die Wahrheit zu zeigen, werden überwacht, eingesperrt oder sogar ins Exil verbannt. Ihre Werke werden der Öffentlichkeit nicht gezeigt oder so verändert, dass sie keine kritischen Aussagen mehr enthalten und für die Regierung "angenehm" sind. In dieser Form bestimmten die diktatorischen Verhältnisse die Informationspolitik der ehemaligen Sowjetunion und DDR. Die in diesen sozialistischen Ländern vorherrschende Parteidiktatur schränkte die eigentliche Pressefreiheit ein und führte zu einem Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Regierung. 2.2 Politik der ehemaligen SowjetunionSeit Beginn der achtziger Jahre verschärfte sich die politische und wirtschaftliche Krise der ehemaligen Sowjetunion. Die Bevölkerung gab dem kommunistischen System die Schuld an der schlechten Versorgungslage und forderte Veränderungen. Mit Gorbatschow, der 1952 der KPdSU beigetreten war und 1985 zum Generalsekretär der Partei gewählt wurde, stiegen die Hoffnungen auf Verbesserung. Tatsächlich brachte Gorbatschow 1985 die lang erwarteten Reformen, die unter den Schlagworten "Perestroika" und "Glasnost" in den internationalen Sprachgebrauch eingingen.Perestroika stand für den "Umbau der Wirtschaft" und Glasnost für "Offenheit" und "Transparenz".[4] Der Generalsekretär wollte eine "offene Gesellschaft" schaffen, mit einer freien Meinungsäußerung und Pressefreiheit. Außerdem sollte das Volk mehr Mitbestimmungsrechte erhalten und die Entscheidungsprozesse in Wirtschaft und Politik besser durchschauen können. Dabei hatte er nicht vor, das alte System abzuschaffen, sondern zu erneuern und die Demokratie zu stärken. Die ersten Schritte in seiner Politik waren das plötzlich kritische Schreiben der Medien und öffentliche Diskussionen, welche zuvor noch unterdrückt und verhindert wurden. Doch mit der Havarie in Tschernobyl begann die "politische Katastrophe" aufs Neue: Die herrschende Partei KPdSU lenkte, kontrollierte und beeinflusste die Medien erneut. Parteidiktatur. Glasnost und Perestroika, die guten Vorsätze, waren schnell vergessen und man ging wieder in die "alte Politik" über. Der Einfluss der damals bestehenden Diktatur wurde zur Zeit der Tschernobyl-Katastrophe besonders deutlich. 2.3 Einfluss der sowjetischen Politik auf die MedienNach der Havarie im Atomkraftwerk musste auf dem schnellsten Wege gehandelt werden, um das Ausmaß der Schäden einzudämmen. Dabei kam es auch auf schnelle, konkrete und wahrheitsgetreue Informationen an, welche die gesamte Weltbevölkerung über den Super-GAU aufklärten und ihr die Möglichkeit gaben, selbstständig Schutzmaßnahmen zu treffen. Doch schon an einer "schnellen Informationspolitik" schien die sowjetische Regierung zu scheitern.Obwohl die meisten Mitglieder des Politbüros noch in der selben Nacht vom Unglück erfuhren, berichteten die inländischen Medien erst drei Tage nach der Katastrophe von der Havarie im Atomkraftwerk. Die Menschen in der ehemaligen Sowjetunion lebten zu dieser Zeit in völliger Ungewissheit und Angst. Durch die von uns durchgeführten Umfragen in der Ukraine erhielten wir ein aussagekräftiges, doch zugleich auch erschreckendes Ergebnis: 45% der befragten ukrainischen Menschen erfuhren erst drei Tage später, was sich im Atomkraftwerk ereignet hatte. 26% erhielten die ersten Informationen sogar erst nach sieben Tagen und nur 19% wussten sofort vom Super-GAU Bescheid. Nach dem schwersten und größten Atomunglück in der Geschichte der Menschheit wäre es doch am wichtigsten gewesen, die Bevölkerung sofort zu informieren. Die Politiker schienen dies aber anders zu sehen. Es ist nämlich bewiesen, dass die Regierung direkt nach dem Unglück mit ihrer Verschleierungstaktik und der Desinformation begann, auch wenn Gorbatschow beteuerte, dass gleich die "ersten zuverlässigen Informationen" den sowjetischen Menschen mitgeteilt und "über diplomatische Kanäle an die ausländischen Regierungen weitergegeben wurden."[5] Gab es also erst drei Tage später diese "zuverlässigen Informationen" oder wollte man die Bevölkerung nicht früher benachrichtigen? Nach dem Erlass von Jelzin über das Verbot der kommunistischen Partei begann die Übergabe der Geheimprotokolle, in denen die vollständige Wahrheit zu finden war und die gleichzeitig den Lügenberg der Politiker zusammenfallen ließ. Aus den Protokollen geht eindeutig hervor, dass nahezu alle Politiker ein bis zwei Stunden nach der Explosion von der Havarie unterrichtet wurden. Sie hatten also noch in der gleichen Nacht die "zuverlässigen Informationen" und doch wusste der Großteil der Bevölkerung erst einige Tage später Bescheid. Unsere Umfragen belegen, dass der Hauptteil der Bevölkerung (68%) durch Bekannte von dem Unglück erfuhr und nur 25% von den inländischen Medien. Das ist ein Beweis dafür, dass die Presse kaum "Aufklärungsarbeit" über das Unglück leisten konnte. Die wenigen Artikel, welche über das Unglück erschienen, waren sehr kurz gefasst und enthielten nur wenige Informationen. Das ist wahrscheinlich auch der Hauptgrund dafür, dass 87% der befragten ukrainischen Bevölkerung nicht mit dem Informationsfluss zufrieden war. Die Regierung sah es als sinnvoller an, Reporter damit zu beauftragen, Artikel zu schreiben, in denen die Situation als ungefährlich beschrieben und ein normales Leben dargestellt wird. Folgendes habe ich in den Geheimprotokollen, welche die Journalistin Alla Jaroshinskaja veröffentlichte, entdeckt: "Geheim. Protokoll Nr.3. 1. Mai 1986. (...) In die an den Standort des KKW Tschernobyl angrenzenden Bezirke ist eine Gruppe sowjetischer Reporter zu entsenden, um Informationen für Presse und Fernsehen vorzubereiten, die ein normales Leben in diesen Bezirken belegen."[6] Den Journalisten wurde von Anfang an gesagt, worüber sie in welcher Form berichten dürfen und welche Themen tabu für sie sind. In einigen Artikeln, so z.B. auch in dem von Wladimir Baseltschuk, wurden der sowjetischen Bevölkerung Vorwürfe gemacht, dass sie unter "Strahlenphobie" leiden und sich über die "guten Hilfsmaßnahmen" beschweren würden.[7] Diese "Dokumentationen" wurden laut Protokollen alle gebilligt oder bestätigt, was ein weiterer Beweis für die einseitige Informationspolitik der Regierung war. Journalisten, die versuchten, die Wahrheit durch ihre Reportagen ans Licht zu bringen, blieben erfolglos. Ihre Artikel wurden nie oder erst Jahre später veröffentlicht. Alla Jaroshinskajas Reportagen wurden, ihrer Aussage zufolge, erst einige Jahre später gedruckt. Die Politiker hatten Radio, Zeitungen und Fernsehen eingeschüchtert und ihnen verboten, solche "unsachgemäßen" Dokumentationen zu veröffentlichen. Dabei ist durch die Geheimprotokolle eindeutig nachweisbar, dass die Regierung von dem wirklichen Ausmaß der Schäden wusste. Warum konnten sie diese wichtigen Informationen nicht weitergeben, um vielleicht Schlimmeres zu verhindern und schneller zu handeln? In den Sitzungen der "Operativen Gruppen des Politbüros", zu welchen die Presse keinen Zugang hatte, wurde über die Texte und Filme diskutiert und gleichzeitig festgelegt, ob sie "gebilligt" oder abgelehnt werden. Die Mitglieder dieser Sitzungen suchten ganz gezielt die Informationen heraus, die an die sowjetische Bevölkerung weitergegeben werden konnten, ohne der Regierung dabei Schaden zuzufügen. Auch das Datum der Veröffentlichung wurde festgelegt, denn nichts durfte dem Zufall überlassen werden.[8] Doch nicht nur wahrheitsgemäße Artikel und Filme über das Thema Tschernobyl wurden verboten, sondern auch Telefongespräche.[9] Und das in einer Zeit, in der die Schlagworte Glasnost und Perestroika die Politik prägen sollten. Die Regierung machte sich zu diesem Zeitpunkt nur Sorge um ihre Macht. Dokumente, die Fakten gegen ihre Politik und ihr Handeln vorbrachten, wurden vernichtet oder in die Geheimprotokolle aufgenommen. So hielt sie jahrelang systematisch wichtige Daten für Medien und Bevölkerung zurück und ließ sich ihre Aussagen von der ebenfalls verlogenen kommunistischen Presse ("Prawda Ukrainy" und "Radjanska Shitomirschtschina") bestätigen. Auch die Pressekonferenzen für sowjetische und ausländische Journalisten wurden bis ins kleinste Detail geplant und vorbereitet. Aus den uns vorliegenden Geheimprotokollen geht hervor, dass vorwiegend die Genossen Israel, Batalin, Schtscherbina und Petrosjanz mit der Durchführung der Pressekonferenzen beauftragt wurden. Ihre Aufgabe war es, einen Überblick über die Situation um Tschernobyl zu geben, natürlich ganz im Sinne der Regierung. Sie gingen dabei besonders auf die "erfolgreiche Bewältigung der Maßnahmen", die "Beseitigung der Folgen", die "Verhütung eines möglichen Strahlenschadens" und die "großangelegten Maßnahmen zur Gewährleistung der Sicherheit der Bevölkerung" ein.[10] Kein Wort, wie krank die Bevölkerung war, ob sie mit gesunder Nahrung versorgt wurde und unter welchen schwierigen Bedingungen sie lebte. Doch auf Pressekonferenzen durfte ja auch nichts anderes gesagt werden, als in den Artikeln bereits veröffentlicht wurde - nichts als die "Wahrheit". Weiterhin hatten sich die verantwortlichen Genossen an die Rede von Gorbatschow im sowjetischen Fernsehen vom 14. Mai 1986 zu halten, in welcher der Generalsekretär der KPdSU die Situation als kontrolliert darstellte. Trotz der konkreten Anweisungen mussten die ausgearbeiteten Reden vor der Konferenz noch der "Operativen Gruppe" vorgelegt werden, damit man auch wirklich sicher gehen konnte, dass nichts "Falsches" an die Öffentlichkeit gelangte. Über die geplanten Lügen wurde in den Sitzungen immer erst abgestimmt und das einstimmig.[11] Kann man sich so etwas überhaupt vorstellen? Die Regierung spricht von "Sorge um die Bevölkerung" und im selben Moment stimmen die Politiker einstimmig für die nächste Lüge, die den Menschen ihr Leben noch mehr erschwerte und für das Ausland den Anschein erweckte, dass alles in Ordnung wäre. Doch nicht nur das sowjetische Volk fühlte sich betrogen, sondern auch das Ausland. In mehreren Geheimprotokollen sind die Anfragen ausländischer Journalisten und Fachleute, für den Besuch der Krisengebiete und des Atomkraftwerks, aufgeführt. Dieser Versuch der Reporter und Spezialisten, einen Einblick in die globale Gefahr zu bekommen, wurde ihnen nur unter strengen Auflagen erlaubt oder sofort verboten.[12] Die ausländischen Medien versuchten, wahrheitsgetreue Fakten über die Havarie von Tschernobyl zu veröffentlichen und sich nicht von dem dortigen Informationsfluss beeinflussen zu lassen. Die Regierung der ehemaligen Sowjetunion beschuldigte daraufhin das Ausland, insbesondere die USA, "Falschmeldungen über das Unglück zu bringen, nur um die Sowjetunion schlecht zu machen".[13] Dieses geht auch aus dem Anhang zum Geheimprotokoll Nr.21 hervor, in dem auf die "haltlosen Anmaßungen" der westlichen Länder hingewiesen wird, da diese "über einen angeblich hohen ökologischen und materiellen Schaden berichten", der durch die "kleine Menge radioaktiver Stoffe entstanden sein soll."[14] Diese "kleine Menge" ist dreihundertmal Hiroshima, das heißt, 50 Tonnen Urandioxyd, weitere 70 Tonnen freigesetzte Brennstäbe und 700 Tonnen radioaktives Reaktorgraphit.[15] Jetzt stellt sich nur noch die Frage, wer hier log. Doch auch Gorbatschow wies in seiner Rede alle Anschuldigungen angeblicher Desinformation zurück und bezeichnete diese als "gewissenlose, böswillige Lügen", sowie den Beginn einer "zügellosen antisowjetischen Kampagne"[16]. Das Politbüro verbot alle inländischen Reportagen, die eindeutige Belege für ihre falsche Vorgehensweise aufzeigten, so z.B. den Artikel von W. Gubarew "Sarkophag". Ihre Begründung war, dass diese dargestellten Situationen von "den ausländischen Medien als Grundlage für die Wiederaufnahme einer antisowjetischen Kampagne missbraucht werden könnten, die die sowjetische Regierung und die sowjetischen Wissenschaftler diskreditieren und das reale Bild des Reaktorunfalls entstellten." [17] Dies zeigt doch wieder einmal eindeutig, dass es den Politikern ausschließlich um ihr System und ihre Stellung in der Welt ging, denn nichts schien wichtiger zu sein als ihr Ansehen. Durch dieses Fehlverhalten haben sie die Gesundheit der gesamten Bevölkerung aufs Spiel gesetzt. 2.4 Das Verhalten der Politiker gegenüber der BevölkerungDiese Ignoranz spiegelte sich auch in vielen oder eben nicht unternommenen Maßnahmen der Regierung für ihr Volk wieder.Ich sprach während meines Aufenthaltes in der Ukraine mit einer Lehrerin, P.N. Sidorowna, welche zur Zeit des Unglücks in der nahe gelegenen Stadt Pripjat lebte. Sie erzählte mir, dass man nach dem Unglück nichts Offizielles erfahren hatte, sondern es nur Gerüchte gab und sich deswegen die Panik unter den Menschen ausbreitete. Viele kauften und tranken Jod, weil sie dachten, dass es sie vor der Strahlung schützen könnte und verätzten sich Speiseröhre und Schlund. Jod in Reinform. Meine Frage, ob auch sie Jod getrunken hatte, verneinte sie, da schon am Montag (28.04.1986) Jodtabletten ausgeteilt wurden. Doch was sie anscheinend bis heute nicht weiß, ist, dass es zu diesem Zeitpunkt bereits zu spät war. Hätte die Bevölkerung direkt nach dem Unglück (sofort) die Jodtablettten erhalten, hätte die Strahlungsschädigung, die durch radioaktives Jod verursacht werden, um 96% gesenkt werden können. Doch schon nach sechs Stunden verringert sich die Wirkung auf 50% und nach 24 Stunden ist die Einnahme nutzlos. Die Ausgabe der Tabletten kam, wie alles andere auch, viel zu spät. Gleichzeitig fällt mir auf, dass die Menschen bis heute nicht richtig über den Gebrauch und die Wirkung von Jod Bescheid wissen und es demnach nie Aufklärungsgespräche von der Regierung aus gab. Doch die Politiker wollten das Bild der "heilen Welt" nicht zerstören und ließen sogar die Maidemonstration stattfinden. Millionen Menschen gingen in Shitomir, in Kiew und den übrigen Städten Russlands, der Ukraine und Weißrusslands auf die Straße, um die Maidemonstration zu feiern Die Kinder tanzten unter freiem, radioaktivem Himmel, atmeten die giftigen Dämpfe ein und die Mitglieder des Politbüros winkten den Demonstranten zu. Ihre eigenen Kinder aber ließen sie zu diesem Zeitpunkt so schnell wie möglich aus der Strahlenzone wegbringen. Das Leben ihrer Kinder schien mehr Wert zu sein, als das der "einfachen Kinder", welche im Strahlenchaos feierten. Die Gesundheit der Menschen war ihnen egal, solang die eigene Familie in Sicherheit war und das Ausland keinen Verdacht schöpfte. Anders kann man auch nicht die Ratschläge des Gesundheitsministers Romanenko deuten, welche erst zehn Tage nach dem Unglück der Bevölkerung erteilt wurden: "Nicht in die freie Natur fahren, Fenster geschlossen halten und die ganze Wohnung feucht auswischen."[18] Diese Hinweise waren nach mehr als einer Woche, nachdem der erste radioaktive Schlag bereits erfolgt war, wirklich "sehr hilfreich". Beinahe einen Monat nach der Havarie gab es Richtlinien für einige Regionen, keine Milch aus der Eigenproduktion zu trinken. Doch nicht nur die Milch war verseucht, sondern alle selbstangebauten Lebensmittel. Dafür wurde zunächst allerdings keine Meldung herausgegeben. Aus den Geheimprotokollen geht hervor, dass Nahrungsmittel, in erster Linie Milch und Wasser, ständig überwacht wurden. Obwohl die Politiker schon längst über die radioaktive Milch und das kontaminierte Fleisch Bescheid wussten, hielten sie doch an der Lüge über die angeblich "nicht belasteten Produkte" fest. Ist das nicht paradox? In einigen geheimen Protokollen wird die "komplizierte Situation bezüglich der Milch" betont, da sie eine "stark erhöhte Konzentration" aufwies und auch die "Wasserkontamination über dem Grenzwert"[19] lag und trotzdem waren die Lebensmittel nicht belastet. Später kam die Regierung dann sogar auf die Idee, die verseuchten Nahrungsmittel im Land zu verteilen, schließlich ist geteiltes Leid halbes Leid. Weiterhin kann man im Protokoll 32 Punkt 11 lesen, dass das "kontaminierte Fleisch für die Herstellung von Würsten und Konserven im Verhältnis eins zu zehn mit normalem Fleisch zu verwenden"[20] war. Ob die Bevölkerung der ehemaligen Sowjetunion davon wusste? Sicherlich nicht, denn auch diese Information gelangte erst nach dem Untergang der KPdSU ans Licht und stand zwei bis drei Jahre unter Verschluss in den Geheimprotokollen. Die Menschen wurden systematisch betrogen, belogen und gesundheitlich gefährdet. Kein Wunder, dass wir bei unserer Umfrage ein nahezu einstimmiges Ergebnis erhielten: 55% beschrieben das Verhalten der Politiker gegenüber der Bevölkerung als sehr schlecht bzw. 33% als schlecht. Die Menschen hatten kein Vertrauen mehr zur Regierung, denn die Falschmeldungen nahmen kein Ende. Die Lüge über die angeblich nicht belasteten Produkte war nur eine unter vielen. Eine weitere ist die Unwahrheit über die Strahlenschäden, welche laut Politikern nicht oder kaum vorhanden waren. Dabei erhielten sie seit dem 4. Mai Informationen über die Einweisung von Menschen in die Krankenhäuser. In den Protokollen lässt sich eindeutig eine stark wachsende Tendenz der hospitalisierten Menschen in Weißrussland feststellen. So waren am 4. Mai 1.882 Personen hospitalisiert und die Gesamtzahl der Untersuchten lag bei 38.000. In den nächsten 24 Stunden stiegen die Zahlen dramatisch an: 1.821 zusätzlich hospitalisierte Personen, 4.301 stationär behandelte Patienten, darunter 1.351 Kinder.[21] Den Mitgliedern des Politbüros lagen die Zahlen vor und trotzdem schwiegen sie in den Medien hartnäckig. Im Gegenteil, es hatte den Anschein, dass es den Menschen mit steigender Radioaktivität immer besser gehen würde. In der Presse hielten sie die Krankheitsfälle konstant niedrig und beschuldigten die Medien, eine "Radiophobie" im Land zu entwickeln, d.h. sie redeten den Menschen ihre Krankheit und die Radioaktivität nur ein. Die gesamte Bevölkerung litt also unter einem Syndrom - der Einbildung. Weiterhin machte sich die Politik eine Konzeption zur Grundlage, deren erklärtes Ziel es war, die "Bevölkerung zu beruhigen", "Partei, Regierung und Verantwortliche für die Folgen des Reaktorunfalls zu entheben" und die "Schadensansprüche zu reduzieren".[22] Sehr humane Ziele, welche die Politik mit der 35-rem-Konzeption[23] verfolgte. Das Gesundheitsministerium änderte dreimal offiziell den maximal zulässigen Strahlengrenzwert von anfangs 70 rem für siebzig Jahre auf 50 und schließlich nur noch auf 35 rem. Vor Tschernobyl betrug der Wert allerdings nur 25 rem und die Äqualenzdosis von 5 rem pro Jahr gilt als maximal berufsbedingte Bestrahlung.[24] Vater der "35-rem-Konzeption" ist der Chef der Nationalen Kommission für Strahlenschutz beim Gesundheitsministerium, Akademiemitglied Iljin. Den von ihm entwickelten Wert von 35 rem erreicht man durch das einfache Multiplizieren der Dosis von 0,5 rem pro Jahr mit 70. Dabei entsprechen 0,5 rem heutzutage dem zulässigen Grenzwert für Menschen. Diese These geht allerdings davon aus, dass es egal ist, ob man die 35-rem-Dosis innerhalb weniger Stunden, einiger Monate oder Jahre aufnimmt und stellt sie als "ungefährlich" für den Menschen dar. Man muss beachten, dass 5 rem als berufsbedingte Strahlung gelten, das heißt, dass die Menschen jahrelang wie Arbeiter eines Atomkraftwerks lebten, allerdings ohne die Zusatzleistungen, die Kernkraftwerkern zustehen. Die 35 rem für 70 Jahre erfasste nur akute oder chronische Strahlenerkrankungen, aber nicht deren Folgeerkrankungen, die bei Fachleuten bekannt sind. Deswegen wurde diese Dosis auch von vielen Strahlenbiologen und Wissenschaftlern als antiwissenschaftlich und antihumanistisch abgelehnt. Obwohl sie keiner wissenschaftlichen Prüfung standhalten konnte, wurde sie trotzdem in das ukrainische Programm aufgenommen. Die Politiker klammerten sich an die Konzeption, um die Illusion aufrecht zu erhalten, dass alles in Ordnung sei. Sie gingen sogar soweit und ließen Artikel von Fachleuten veröffentlichen, in denen die 35 rem für 70 Lebensjahre gestärkt und als ungefährlich beschrieben wurden. Doch was will man von einer Regierung erwarten, die die Medien lenkt und kontrolliert? Die Wahrheit hat die Bevölkerung jedenfalls nicht erfahren. Was wir zu dieser 35-rem-Konzeption noch anmerken möchten, ist, dass eigentlich noch die Dosis dazugerechnet werden müsste, welche direkt nach dem Unglück aufgenommen wurde. Ist das aber überhaupt jemandem bekannt? Nach der Havarie stand für die Sowjetunion fest, dass sie Hilfe brauchte, um ihr Volk einigermaßen versorgen und die Schäden beseitigen zu können. In den Protokollen haben wir einige Punkte gefunden, in denen Hilfsmaßnahmen des Auslandes erwähnt werden. Besonders häufig treten Frankreich, die BRD und England in Erscheinung. Bei ihnen kaufte die Regierung Medikamente, Schutzanzüge, ferngesteuerte Baggertechnik, schaumbildende Materialien und Flüssigbeton. Häufig gab es von ausländischer Seite Hilfsangebote, so z.B. auch von Frankreich, welches einen Eisenbahnwaggon zur Untersuchung der Belastung zur Verfügung stellen wollte. Die Sowjetunion allerdings war misstrauisch, da in diesem Waggon ja "geheime Geräte zur Aufzeichnung von Gesprächen und andere Aufklärungsgeräte" hätten versteckt sein können.[25] Deswegen prüfte sie dieses Angebot mehrmals. Aber warum? Sie schienen doch Angst gehabt zu haben, dass ihre verlogene Informationspolitik aufgedeckt werden konnte. Doch eigentlich sollte die Versorgung der Bevölkerung im Mittelpunkt stehen, was allerdings nicht der Fall zu sein schien. Denn laut unserer Umfrage wussten 93% nicht über ausländische Hilfsmaßnahmen Bescheid und konnten deren Hilfe deswegen auch nicht einschätzen. Die Politiker versprachen damals der Bevölkerung finanzielle und materielle Unterstützung, was sie in nur wenigen Gebieten relativ gut einhielten. Die Stadt Wyschgorod in der Ukraine ist ein Beispiel dafür, dass sich auch die Regierung mal an ein Versprechen halten konnte. Durch den Aufenthalt in der Stadt Wyschgorod, welche nur wenige Kilometer von Kiew entfernt liegt, habe ich erfahren, dass die Schüler kostenlos Schulessen erhalten. Das ist sehr wichtig für sie, denn häufig ist dies die einzige warme Mahlzeit, die sie am Tag bekommen. Die Einwohner müssen auch nur die Hälfte für Wasser, Elektrizität und Strom bezahlen, was eine finanzielle Entlastung für sie darstellt. Das ist ein Punkt, den man den Politikern anrechnen kann und ein Punkt, der gleichzeitig die Frage aufwirft, warum das nicht bei all den anderen Gebieten, Versprechungen und Handlungen funktionieren konnte. Denn schon die Evakuierungen und Aussiedlungen sind ein Beispiel dafür, dass das Verhalten der Regierung fahrlässig und gefährlich für die Bevölkerung war. Ihr Leben veränderte sich 2.5 Die Evakuierungen/ AussiedlungenNeben der Havarie im Atomkraftwerk, wurden die Evakuierungen oder Umsiedlungen aus stark verstrahlten Gebieten, zu einer persönlichen Tragödie der sowjetischen Bevölkerung. Dabei unterscheidet man zwischen einer "zeitlich begrenzten Sperrung des Gebietes" (Evakuierung) und der "dauerhaften Umsiedlung" (Aussiedlung).[26]Auch die befragte ukrainische Lehrerin wurde umgesiedelt und erzählte mir vom Verlauf der Evakuierung. Wie schon erwähnt, lebte sie zur Zeit des Unglücks in Pripjat, nur wenige Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt. Die Einwohner dieser Stadt wurden allerdings erst am Abend des 27.04.1986 evakuiert, was, so auch ihrer Meinung nach, viel zu spät war. Doch diese Menschen schienen noch Glück gehabt zu haben, denn Frau Sidorownas Eltern, welche nur drei Kilometer vom Unglücksort entfernt wohnten, wurden erst acht Tage später umgesiedelt. Sie lebten mehr als eine Woche in der direkten Strahlenzone, ohne davon zu wissen. Die in der Stadt Pripjat lebenden Menschen sollten nur für drei Tage evakuiert werden, doch bis heute durften sie nicht zurückkehren. Man erlaubte ihnen damals nur, aufgrund der kurzen Umsiedlung, die wichtigsten Dokumente mitzunehmen. Haushaltsgegenstände und Haustiere mussten zurückgelassen werden und konnten auch später (durch die hohe Verstrahlung) nicht geholt werden. Überhaupt war die gesamte Evakuierung schlecht organisiert und verlief sehr kompliziert: Familien wurden auseinander gerissen, Züge und Busse waren nicht auf den Transport von Kindern vorbereitet und Menschen, die nicht bei Bekannten unterkamen, wohnten monatelang bei fremden Familien, ohne jegliche Unterstützung vom Staat. Kein Wunder, dass sich viele Menschen, insbesondere ältere, weigerten, ihre Städte und Dörfer zu verlassen. Deswegen leben auch heute noch zahlreiche in hochverseuchten Gebieten, in denen ein Leben eigentlich unmöglich ist. Für die Aussiedler ließ die Regierung neue Häuser bauen - 40 km vom Atomkraftwerk entfernt. In diesem Umkreis entstand auch der Ort Slawutitsch, der mit Hilfe der anderen Sowjetrepubliken aufgebaut wurde. Die Regierung fixierte sich damals auf die 30 km-Zone, d.h. alle Gebiete außerhalb dieser Zone waren angeblich "sauber". Bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sich die Strahlung über die gesamte nördliche Erdhalbkugel ausbreitete. Die Regierung legte Grenzwerte fest, welche den Grad der Verseuchung der Gebiete angaben und somit eine Grundlage für die Evakuierungen bildeten. Doch für die Politiker erschien die damalige Situation als ungefährlich, wodurch diese Richtwerte häufig viel zu hoch angesetzt waren und viele Dörfer erst Jahre später umgesiedelt wurden. Ein Beispiel dafür ist auch hier die 35-rem-Konzeption. Sie basierte, wie schon erwähnt, auf der Vorstellung einer ungefährlichen Strahlendosis und bildete somit die Grundlage für einen sicheren Verbleib der Menschen in belasteten Gebieten. Die Genossen Iljin und Israel überprüften mit Hilfe dieser Konzeption sämtliche Städte, die vielleicht hätten umgesiedelt werden müssen. Doch immer wieder kamen sie zu dem Ergebnis, dass keine Gefahr bestünde und Um- bzw. Aussiedlungen nicht notwendig waren. Der Entwurf allerdings enthielt viele Widersprüche, wodurch er nach einigen Jahren geändert und der festgelegte Wert nach unten korrigiert wurde - 7 rem für 35 Jahre. Damit hätten zehnmal so viele Menschen umgesiedelt werden müssen, als bereits evakuiert wurden. Allerdings darf man nicht als Grundlage 35 Jahre nehmen, sondern 70, d.h. ein Menschenleben. Dadurch wären die Zahlen aber noch weiter angestiegen - in Millionenhöhe. Die Menschen wurden also auch hier betrogen und erst einige Jahre später evakuiert und das in Gebiete, die nicht mehr als 50 km vom Atomkraftwerk entfernt lagen. Denn aufgrund dieser und anderer festgelegten Grenzwerte galten diese Regionen als sauber, was allerdings nicht der Fall war. Häufig musste eine zweite Umsiedlung vorgenommen werden, da der Ort dann plötzlich als "hochverseucht" galt. Auch Slawutitsch ist heute vom Aussterben bedroht, da in einer solchen kurzen Entfernung zum Kraftwerk niemand mehr leben möchte. Die Regierung beging hier einen gravierenden Fehler, der nicht wieder gut zumachen war und ist. Überhaupt waren die Aussiedler mit ihren neuen Lebensbedingungen nicht zufrieden, da ihnen alles genommen wurde und die erbauten Häuser kaum bewohnbar waren. Folgendes haben wir in den Zeugenaussagen von Aussiedlern entdeckt: "Das Haus ist kalt. Regnet es, tropft es im Schlafzimmer. Gas kommt aus der Flasche. Wartezeit anderthalb Monate. Im Winter ist es so kalt, dass der Atem dampft. Dann hat der Hydrant kein Wasser, es friert ein."[27] Diese Aussage kann man problemlos verallgemeinern, da nahezu alle Aussiedler von solchen Lebensumständen berichten. Sie fordern Häuser, in denen man leben kann, mit Wasser, Strom und einem Ofen. Weiterhin fordern sie Unterstützung vom Staat, denn seit dem Unglück müssen sie sich ihre Nahrungsmittel kaufen, da man in den neuen Gebieten nicht anbauen kann oder die geernteten Lebensmittel nicht essen darf. Unzufriedenheit überall, nur in den Zeitungen stimmte das Bild der heilen Welt. Denn diese berichteten von angeblich guten Lebensbedingungen und einer unverschämten Bevölkerung, die sich trotz der neuen Häuser auch noch beschweren würde. Wieder hatten die Journalisten nicht die Chance, die Wahrheit zu veröffentlichen. Man nahm ihnen das Recht auf Pressefreiheit und dem einfachen Volk die Möglichkeit, an die Öffentlichkeit heranzutreten und um Hilfe zu bitten. Viele der Aussiedler mussten ein Landleben gegen ein Stadtleben tauschen, sich in der neuen Umgebung zurechtfinden und wurden häufig von ihren Mitmenschen gemieden, als seinen sie "ansteckend". Trotz des so schon schweren Schicksals erschwerte ihnen die Regierung durch Lügen, Fehlentscheidung und mangelnder Versorgung das Leben noch mehr. Nicht nur die Strahlung, sondern auch die schlechten Lebensbedingungen waren und sind Schuld an dem großen Ausmaß der Schäden, woran die Regierung nicht unschuldig ist. Das ganze Volk leidet seit der Explosion unter starken gesundheitlichen Störungen. 3. Gesundheitsfolgen in der UdSSRDie durch das Tschernobyl-Unglück freigesetzte Strahlung hatte für die Gesundheit der Menschen der ehemaligen Sowjetunion schwerwiegende Folgen. Die Freisetzungsdauer der Strahlung betrug insgesamt zehn Tage und es ergab sich durch wechselnde Wind- und Wetterbedingungen eine Verteilung der radioaktiven Ablagerung von siebzig Prozent in Weißrussland (Belarus) und je fünfzehn Prozent in der Ukraine und in Russland.Die meisten Menschen waren aber aufgrund der späten Evakuierungen viel zu lange der hohen Strahlenbelastung ausgesetzt und mussten und müssen deshalb bis heute stark unter den folgeschweren gesundheitlichen Schäden leiden. Schon am Tag des Unfalls fand die Tschernobyl-Katastrophe ihre ersten beiden Opfer: Durch die gewaltige Explosion wurden zwei Arbeiter des Kernkraftwerkes durch herabstürzende Trümmer erschlagen. Dreißig weitere Menschen starben in den Wochen kurz nach der Katastrophe infolge der gewaltigen Strahlung, welcher sie ausgesetzt waren.[28] Unter ihnen waren vor allem die Helfer vor Ort, wie zum Beispiel Feuerwehrmänner, aber auch weitere Mitarbeiter des Kernkraftwerkes. In den folgenden Wochen und Monaten kamen sogenannte Liquidatoren nach Tschernobyl, dies waren Katastrophenhelfer, die sich an den Aufräumarbeiten freiwillig beteiligten. Unter ihnen waren Soldaten, Arbeiter, Ingenieure, Studenten und andere Freiwillige. Eine genaue Anzahl der Liquidatoren ist nicht bekannt, man spricht von einer Zahl zwischen 600 000 und 1,2 Millionen Menschen. Auch die genaue Zahl der Opfer unter diesen Katastrophenhelfern ist nicht bekannt. Diese Helfer, die direkt der hohen Strahlung ohne ausreichende Schutzkleidung, ausgesetzt waren, haben wohl am stärksten gelitten, beziehungsweise leiden noch heute. Bereits im September 1992 sprach man von 70 000 Invaliden und 13 000 Toten unter den Liquidatoren, bei denen das Durchschnittsalter nur 35 Jahre betrug. [29] Bis heute ist die Zahl der verstorbenen Helfer aber sicherlich weiterhin drastisch gestiegen, eine genaue Zahl der Opfer kann jedoch nicht genannt werden, da nur wenige der direkten Strahlenkrankheit erlagen, während die meisten Todesfälle auf die Spätfolgen der Verstrahlung zurückzuführen sind. Zu den Spätfolgen, an denen einige Liquidatoren noch heute leiden, zählen verschiedene Arten von Krebserkrankungen, weiterhin wurden verminderte Hirnfunktionen bei den Katastrophenhelfern festgestellt. Ihr Sprechvermögen ist eingeschränkt, sie haben Konzentrationsprobleme, sie leiden unter Gedächtnisstörungen und Depressionen. Einige litten so stark unter schweren Depressionen, dass sie sich selbst das Leben nahmen. Ärzte vermuten, dass verminderte Hirnfunktionen dadurch zustande kamen, weil " auf irgendeine Weise die Blutzufuhr zum Gehirn vermindert worden war und möglicherweise noch wird."[30] Auf die Depressionen folgten bei einem großen Teil der Liquidatoren Nervenkrankheiten und ernste psychische Probleme. Im Erbgut der Kinder von Katastrophenhelfern ist eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Mutationen gefunden worden. Es wurde sogar eine bis auf das Siebenfache erhöhte Zahl an Veränderungen gefunden. Allerdings leiden nicht nur die Liquidatoren, sondern die ganze damalige Bevölkerung um Tschernobyl an den Folgen der Katastrophe. Am meisten leiden die Menschen in der Ukraine, in Russland und vor allem in Weißrussland an verschiedenen Erkrankungen, die durch die Strahlenbelastung verursacht wurden. An erster Stelle sind verschiedene Krebserkrankungen zu nennen, die seit 1986 nach der Tschernobyl-Katastrophe deutlich zunahmen. Vor allem in Weißrussland stieg nach dem Unglück von Tschernobyl die Anzahl der Schilddrüsenkrebserkrankungen erheblich (siehe Diagramm Anhang 5). Bereits im Jahr 1990 war das Vorkommen an Schilddrüsenkrebs in Weißrussland um das Dreißigfache höher als gegenüber dem Zehn-Jahres-Mittel vor 1986; 1992 trat Schilddrüsenkrebs in Weißrussland achtzigmal so oft auf wie im weltweiten Durchschnitt. Ende des Jahres 2000 waren in Weißrussland bereits 10 000 Menschen, darunter 980 Jugendliche, an Schilddrüsenkrebs erkrankt. Der stärkste Anstieg von Schilddrüsenkrebserkrankungen ist im Oblast Gomel, dem am stärksten radioaktiv belasteten Gebiet Weißrusslands, aufgetreten. Am meisten betroffen sind die Personen, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter sechs Jahre alt waren.[31] 1995 wurde eine Höchstzahl von Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs bei Kindern erreicht. Nach 1995 nahm die Zahl der Neuerkrankungen bei Kindern zwar ab, dies ist jedoch nur ein Effekt, der dadurch zustande kommt, dass die Personen, die zum Zeitpunkt des Unglücks Kinder waren, nun zu den Jugendlichen beziehungsweise zu den Erwachsenen zählen. Bei diesen Gruppen ist dadurch ein Anstieg ab 1995 erkennbar, die "Kinder" nahmen so ihr Krebsrisiko mit in die Altersgruppe der Erwachsenen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stellt heute erschreckende Prognosen für den weiteren Verlauf von Schilddrüsenkrebsvorkommen in den betroffenen Gebieten auf: Es wird vermutet, dass ein Drittel der Kinder, die zum Unfallzeitpunkt unter vier Jahre alt waren, aus dem Gebiet Gomel im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken; dies würden rund 50 000 Personen sein. Erweitert man diese Prognose auf alle Altersgruppen des Gebietes Gomel, wären dort weit über 100 000 Schilddrüsenkrebsfälle zu erwarten.[32] Aber auch bei mehreren anderen Krebsarten ist nach Tschernobyl ein drastischer Anstieg zu verzeichnen. Bei den Männern stiegen nach der Katastrophe vor allem Lungen-, Magen-, Haut- und Prostatakrebserkrankungen, bei den Frauen kommen Tumore vor allem in Brust, Gebärmutter, Magen und Haut vor. Der Brustkrebs nimmt unter den verschieden Krebsarten eine besondere Stellung ein. In den vergangenen Jahren nahm die Zahl an Brustkrebserkrankungen ständig zu und steht neben dem Schilddrüsenkrebs in einigen Gebieten sogar mit an vorderster Stelle. In der Ukraine stieg vor allem die Zahl der Blutkrebserkrankungen, also Leukämien, in den letzten Jahren deutlich an, aber auch im Gebiet (Oblast) Gomel nahm die Anzahl der Leukämien im Vergleich zum Zeitraum vor dem Unglück um etwa fünfzig Prozent zu. Im Gebiet Gomel sind die Krebsfälle im Zeitraum von 1989 bis 1999 vom niedrigsten auf das höchste Niveau Weißrusslands gestiegen. Die betroffenen Menschen leiden jedoch nicht nur an Krebs, sondern an verschiedenen anderen Krankheiten, die wohl durch die Strahlung verursacht wurden. Dazu zählen beispielsweise das so genannte Tschernobyl-AIDS, welches für Immunschwäche- Krankheiten steht. Weiterhin leiden vor allem die Kinder Weißrusslands an Katarakten (Grauer Star) und an Linsentrübungen, welche wohl durch das radioaktive Cäsium hervorgerufen wurden. Außerdem leiden viele Kinder an chronischer Gastritis, an Degeneration der Schleimhäute, chronischer Bronchitis und chronischer Entzündung der Harnwege, an häufiger Müdigkeit und Schläfrigkeit. Jugenddiabetes nahm um das Dreifache zu. Weiterhin treten immer häufiger "Infektionskrankheiten, Ernährungs- und Stoffwechselstörungen, Störungen im Immunsystem, Erkrankung von Blut und blutbildendem Gewebe, psychische Störungen, Erkrankung der Nerven und Sinnesorgane, Kreislauferkrankungen, Erkrankungen der Atemwegs- und der Verdauungsorgane, Hauterkrankungen, Erkrankungen des Urogenitalsystems wie auch des Knochen-Muskel-Systems und des Bindegewebes"[33] auf. Der Gesundheitszustand der Kinder, die am nächsten an Tschernobyl wohnten, verschlechterte sich im Laufe der Jahre immer weiter, waren im Jahr 1997 noch 2,1 Prozent der untersuchten Kinder vollständig gesund, waren es 2001 nur noch 0,35 Prozent. Der größte Teil der Erkrankungen (76,4 Prozent) betraf den Magen-Darmtrakt.[34] Viele ehemalige Bewohner des Gebietes um Tschernobyl leiden heute auch unter psychischen Krankheiten und Nervenschäden, diese könnten zum einen auf Schädigungen von Nervenzellen durch radioaktive Strahlung zurückzuführen sein, zum anderen aber auch auf die damals so große nervliche Belastung dieser Personen. Auf sie wirkte zu dieser Zeit ein großer psychischer Stress, den die meisten nur schwer verarbeiten konnten: die plötzlichen Evakuierungen, das teilweise Auseinanderreißen von Familien oder aber bereits aufgetretene Krankheiten in der Familie, die die Personen zusätzlich belasteten. Für die Bevölkerung um Tschernobyl ist nach dem Super-GAU ein weiteres Problem aufgetreten: Veränderungen und Störungen im Erbgut, vor allem in den Keimzellen der damals um Tschernobyl lebenden Menschen, die sich nun in Erbgut- Mutationen der Kinder widerspiegeln. Viele Kinder kamen nach der Tschernobyl-Katastrophe mit Mutationen und Fehlbildungen zur Welt. Es erhöhte sich aber auch die Anzahl von Gesundheitsstörungen der Leibesfrucht und bei Schwangerschaften. In der Ukraine verdreifachte sich nach 1986 die Anzahl der Frühgeburten, die Anzahl der Fehlgeburten nahm um das 1,7fache zu und die Totgeburten erhöhten sich um das 1,5fache. Die Anzahl der Fehlbildungen und der Fortpflanzungsstörungen der Männer verdreifachte sich. Genetische Störungen und Chromosomenaberrationen treten jetzt sogar 15-mal so häufig auf wie vor dem Unglück.[35] Seit 1986 sank die Geburtenrate fast auf die Hälfte und auch die Lebenserwartung der erwachsenen Bevölkerung ist stark gesunken. Die Sterberate hingegen nahm seit 1986 bedeutend zu. Die Ursachen von Schilddrüsenkrebs, sowie von den zahlreichen Erkrankungen im Magen-Darmtrakt werden von Wissenschaftlern im radioaktiven Jod gesehen. Für die Perinatalsterblichkeit, die Sterblichkeit von Neugeborenen, hingegen wird Strontium von den meisten westlichen Wissenschaftlern als Hauptursache angesehen, Cäsium als Nebenursache. An all den schweren Erkrankungen, die durch die extreme Strahlenbelastung verursacht wurden, lässt sich erkennen, wie stark die ehemalige Bevölkerung um Tschernobyl noch heute leidet. Trotzdem kann man auch bei diesem Punkt die falsche Informationspolitik nicht außer Acht lassen. Zunächst hielt die damalige UdSSR Fakten und Messungen zurück. "Am 27.6.86 gab es z.B. eine Anweisung des Gesundheitsministeriums der UdSSR, in der alle Daten über die Havarie, Daten über das Ausmaß der radioaktiven Bestrahlung des beteiligten Personals, der sog. Liquidatoren, und sogar die Ergebnisse über die Heilung der Krankheiten für geheim erklärt wurden."[36] Am 8. Juli 1987 wurde eine erneute Anordnung herausgegeben, in welcher erklärt wurde, dass die akuten und chronischen Erkrankungen von Liquidatoren, die eine Dosis von weniger als 500 mSv abbekommen haben, nicht mit der Strahlenbelastung in Zusammenhang gebracht werden dürfen. So hatte die Bevölkerung wieder unter der eigenen Regierung zu leiden, sie wurde nicht auf Krankheiten hingewiesen und da sogar Ergebnisse über die Heilung von Krankheiten nie veröffentlicht, sondern geheim gehalten wurden, gab es für die betroffenen Personen kaum Chancen auf Heilung. Außerdem lag im Lazarett des Kernkraftwerkes sogar ein Geheimmedikament "B" zum Strahlenschutz des Personals parat. Doch selbst für die Feuerwehrmänner, die ohne jeglichen Schutz gegen die radioaktive Strahlung die Löscharbeiten im Kernkraftwerk verrichteten, blieb dieses Geheimmedikament geheim. Vielleicht hätte man das Leben einiger Feuerwehrmänner retten oder zumindest verlängern können, wenn man das Medikament eingesetzt hätte, doch es scheint, als wäre es der Regierung wichtiger gewesen, keine Panik im Volk zu verbreiten und weiterhin so zu tun, als hätte die Strahlung keine Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung gehabt. Aber Geheimhaltungspolitik über die Folgen der Tschernobyl-Katastrophe trat nicht nur von Seiten der Sowjetischen Regierung, sondern sogar bei weltweiten Organisationen auf. Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) traf zum Beispiel die Aussage, dass es "keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten"[37] gab. Dies war eine Lüge, mit der die gesamte Weltöffentlichkeit getäuscht wurde. Es zeigt, dass diese autonome Organisation im System der Vereinten Nationen (UNO) nur auf das Ziel ausgerichtet ist die Atomenergie zu erhalten und weiterzuentwickeln. Aber auch das wissenschaftliche Komitee der UNO für die Effekte der Atomstrahlung UNSCEAR machte Falschaussagen zu den Folgen von Tschernobyl. Die UNSCEAR behauptete, dass die Tschernobyl- Katastrophe keine weiteren größeren Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung hat, "abgesehen von einem hohen Anteil an (behandelbaren, nicht tödlichen) Schilddrüsenkrebsfällen bei Kindern."[38] Hinweise auf Anstiege anderer Krebsarten oder bösartiger Erkrankungen, die mit der Strahlung in Zusammenhang ständen, waren dieser Organisation angeblich nicht bekannt. Auch diese Aussage ist nachweislich falsch, denn dass Schilddrüsenkrebs behandelbar und nicht tödlich ist, gilt nur dann, wenn ein ausreichender Behandlungsstandart für die Betroffenen zur Verfügung steht, was allerdings in den betroffenen Gegenden nicht der Fall war und ist. Sogar die WHO hat den falschen Behauptungen der IAEA und der UNSCEAR vorerst nicht widersprochen und sich zu den gesundheitlichen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe sehr zurückgehalten. Als Grund dafür ist sicherlich ein Vertrag zwischen der WHO und der IAEA zu nennen, in dem eine enge Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe dieser beiden UNO-Organisationen vereinbart wurde. So kann die IAEA verlangen, dass bestimmte Daten, welche ihren Zielen, wie zum Beispiel der Erhaltung der Atomenergie, im Weg ständen, geheim gehalten werden müssen und auch der WHO nicht an die Öffentlichkeit herausgegeben werden dürfen. Warum sogar diese weltweiten Organisationen Falschaussagen zu den Folgen von Tschernobyl machten, ist uns völlig unklar. Vielleicht war diesen Organisationen einfach nur die Erhaltung der Atomkraft wichtiger als Menschenleben. So wurde also nicht nur die direkt betroffene Bevölkerung, sondern die gesamte Weltbevölkerung durch Falschaussagen getäuscht und wahrscheinlich hätte man einem Großteil der Bevölkerung helfen können, wenn man mit wahrheitsgemäßen Daten an die Öffentlichkeit gegangen wäre. Doch unter diesen Umständen muss man davon ausgehen, dass diesen Organisationen das Erreichen ihrer Ziele wichtiger war als die Tausende von Menschenleben. Es lag also nicht nur in der ehemaligen Sowjetunion eine falsche und verlogene Informationspolitik vor, sondern auch in weltweiten öffentlichen Organisationen. 4. Informationspolitik in der DDRIn der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) erschienen die ersten offiziellen Meldungen zur Tschernobyl-Katastrophe am 30.April 1986, also erst vier Tage nach der Explosion im Kernkraftwerk. Es wurde zunächst eine Meldung der russischen Nachrichtenagentur TASS veröffentlicht. Doch weiterhin wurden Informationen zurückgehalten und verschwiegen. In diesem Bericht der TASS war nur die Rede vom "Entweichen einer gewissen Menge radioaktiver Stoffe", außerdem von einer sich "stabilisierenden Strahlensituation" und von einer "ständigen Kontrolle der Radioaktivität des Kernkraftwerkes von Tschernobyl"[39]. Zwei Tage später meldete das Neue Deutschland, dass bereits Verminderungen der Radioaktivität um dreißig bis fünfzig Prozent vorlägen und am 8.Mai wurde schließlich gemeldet, dass keine Gefahren für die Bevölkerung bestehen bzw. bestanden haben.[40]Natürlich wurde in der DDR nie die ganze Wahrheit über das Tschernobyl-Unglück bekannt. Denn auch hier wurden die Medien vom Staat kontrolliert. Zeitschriften und Magazine, die von der Führungspartei SED herausgegeben wurden und von der DDR-Führung bevorzugt wurden, da bei diesen keine Gefahr von öffentlichen Angriffen gegen die Regierung bestand. Gegen Artikel oder Meldungen, die die DDR-Politik angriffen, wurde vorgegangen. Dieses Vorgehen bestand zum Beispiel in Verboten verschiedener Artikel und sogar Zeitschriften bzw. Zeitungen, aber auch in Entlassungen von Journalisten, die eben solche fortschrittlichen bzw. antistaatlichen Artikel verfassten. Durch scharfe Kontrollen und Lizenzen versuchte man in der DDR solche Artikel schon von vornherein zu vermeiden; es ging schließlich soweit, dass Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) in verschiedenen Redaktionen eingesetzt wurden. Zum einen mussten diese als offizielle Mitarbeiter den Druck überwachen und waren dafür verantwortlich, dass keine Fehler in den Druckerzeugnissen vorhanden waren, zum anderen wurden sie als inoffizielle Mitarbeiter in Redaktionen eingesetzt und sollten dort Journalisten und deren Familien bespitzeln. Das Material dieser Bespitzelungen verwendete die DDR-Führung dann gegen Journalisten, die Artikel verfassten, welche den Staat in irgendeiner Weise angriffen. So war es also nicht verwunderlich, dass auch in der DDR nicht ausführlich und nicht wahrheitsgemäß über das Tschernobyl-Unglück berichtet wurde, denn insgesamt unterlagen die DDR-Medien seit 1949, als sich das DDR-Gebiet noch in der sowjetischen Besatzungszone befand, der Sowjetunion. Von dort aus wurde natürlich, genau wie auch im eigenen Land, bestimmt, was über die Katastrophe geschrieben werden durfte und welche Artikel unveröffentlicht bleiben sollten. Unserer Umfrage zufolge erfuhr der größte Teil der DDR-Bevölkerung von dem Tschernobyl-Unglück aus dem BRD-Fernsehen. Obwohl dies eigentlich nicht erlaubt war, informierten sich DDR-Bürger aufgrund der schlechten eigenen Informationspolitik, doch immer wieder über die West- Medien. Dort wurde schon einige Stunden nach dem Unglück berichtet und schließlich auch Warnungen herausgegeben. So war es für die DDR- Führung auch ziemlich schwierig Informationen über das Tschernobyl-Unglück geheim zu halten und es wuchs auf die DDR-Führung ein erheblicher Druck, denn so konnte sie die Meldungen des Westens nicht stehen lassen. Also wurden diese Warnungen von der DDR-Führung nur als "Panikmache des Westens"[41] verurteilt und als Versuch die Sowjetunion negativ darzustellen. Die DDR ihrerseits berichtete zunächst überhaupt nicht von der Katastrophe. Ganz im Gegenteil, die Strahlung wurde als ungefährlich dargestellt und niemand wurde gewarnt. Die DDR-Führung scheute sich auch nicht, ihre eigene Bevölkerung mit Produkten wie z.B. Kopfsalat aus den direkten Verstrahlungsgebieten, die der Westen jetzt nicht mehr annahm, zu versorgen und damit ihrer eigenen Bevölkerung zu schaden. Für uns zeigt dies die Unverantwortlichkeit der Politführung gegenüber der Bevölkerung. Es scheint, als wäre es den Führenden der SED-Partei und den übrigen Verantwortlichen der DDR gleichgültig gewesen, was mit der Bevölkerung geschieht und wie man sie hätte schützen können. Vielleicht musste die DDR-Regierung aber auch so handeln, weil es die Sowjet-Führung so befahl. Die DDR sollte mit zur Vertuschung beitragen. Wie gefährlich Tschernobyl wirklich war, sollte wohl nie ans Licht kommen. Die Medien selbst hatten keine Macht, sie mussten schreiben, was der Staat wollte, denn sie waren dem Staat bedingungslos unterstellt. So schränkten die damaligen politischen Verhältnisse nicht nur die Informationen im eigenen Land, sondern wohl die der gesamten Ostblockstaaten ein. Man gefährdete also viele Menschenleben und das nur um in der Öffentlichkeit ein gutes Bild von den sozialistischen Staaten abzugeben. Ein Beispiel dafür, dass man der Bevölkerung der DDR nicht die ganze Wahrheit sagte und ihnen wichtige Informationen vorenthielt, findet man in der Thüringer Speditionsfirma Kraftverkehrskombinat Mühlhausen. Acht Arbeiter dieser Firma wuschen eine Woche nach der Explosion 200 Transporter aus der Ukraine. Zunächst reinigten die Angestellten diese Transporter ohne Schutzanzüge und ohne Handschuhe, denn sie wurden von Seiten der DDR- Regierung in keiner Weise gewarnt oder informiert. Doch plötzlich wurden einige Fahrzeuge am Grenzübergang von Seiten der BRD wieder zurückgeschickt, da an diesen Transportern eine zu hohe Strahlenbelastung gemessen wurde. Auf Nachfragen der Arbeiter wurde die Sache aber immer wieder heruntergespielt. Es wurde ihnen gesagt, dass ihre Arbeit völlig ungefährlich sei. Das Ergebnis jedoch zeigt etwas völlig anderes: sieben der acht beteiligten Mitarbeiter sind inzwischen an Krebs gestorben. Der einzige noch Lebende der acht beteiligten Arbeiter, Otto Zöllner, meint heute: "Das war ne Vertuschung. Das kann gar nicht anders sein. Denn man hätte ja die Möglichkeit gehabt, über die NVA, die ja dafür ausgebildet war, die die Chemie hatte, die Fahrzeuge zu reinigen, die Schutzanzüge hatten. Es wurde ja nichts gemacht. Selbst wo wir dann gemessen haben, wurden ja keine Messprotokolle geführt."[42] Dies ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass von Seiten der Regierung alles dafür getan wurde die Tschernobyl- Katastrophe und deren Auswirkungen zu vertuschen. So mussten also auch hier sieben Menschen sterben, nur damit man die ganze Wahrheit über Tschernobyl geheim halten konnte. Aufgrund des mangelnden Informationsflusses konnten die Bürger der DDR also die Situation der Tschernobyl-Opfer nicht gut einschätzen und sich daher natürlich auch kein genaues Bild über die Geschehnisse vor Ort machen. 5. Hilfsmaßnahmen der DDR5.1 Hilfsmaßnahmen vor der WiedervereinigungEs war für die DDR-Bürger somit auch ziemlich schwer den Tschernobyl-Opfern zu helfen, da sie erstens gar nicht über die schwerwiegenden Folgen der Tschernobyl-Katastrophe informiert wurden und zweitens auch kaum Chancen hatten sie zu unterstützen.Für die DDR Bürger gab es zum Beispiel kaum Möglichkeiten für die Tschernobyl-Opfer zu spenden, da öffentliche Spenden von Seiten der Regierung natürlich nicht möglich waren. Dennoch gab es verschiedene Aktionen, wie die DDR versuchte den betroffenen Ländern zu helfen. Es wurden zur Tschernobyl-Hilfe sogar Bündnisse mit der BRD eingegangen um den Opfern beizustehen. Diese Bündnisse fanden vor allem in der Forschung statt, um verschiedene Projekte gemeinsam zu bewältigen. Obwohl diese Bündnisse mit den westlichen Ländern meist erst Ende der achtziger Jahre, als sich die Wende schon näherte, eingegangen wurden, waren sie dennoch sehr erfolgreich und vor allem in Weißrussland ist man noch heute sehr dankbar dafür. Trotz der schlechten Informationspolitik über Tschernobyl in den sozialistischen Staaten konnten Hilfsaktionen gestartet werden, obwohl man bis heute im Gebiet der ehemaligen DDR nur sehr wenig darüber weiß. Unserer Umfrage zufolge kann sich fast ein Drittel (64%) nicht an Maßnahmen der ehemaligen DDR erinnern. Auch dieses Ergebnis zeigt, dass das Land seine Bevölkerung nicht ausreichend informierte, der Staat klärte sie nicht über Hilfsmaßnahmen auf und so konnten von den DDR-Bürgern auch kaum eigene Hilfsprojekte an die betroffenen Länder getätigt werden. Aus unserer in der Ukraine durchgeführten Umfrage geht hervor, dass die betroffenen Menschen kaum Hilfe aus dem Ausland erfuhren und somit bei der Einschätzung der Maßnahmen keine Angaben machen konnten. Auch dies zeugt von der schlechten und mangelhaften Informationspolitik. Eine Frau sagte, dass sie selbst und die am meisten Betroffenen oft keine Hilfe aus dem Ausland empfingen; dafür aber gingen ihrer Aussage nach diese Hilfsmaßnahmen meist an Menschen, die nicht direkt betroffen von dem Unglück waren. Scheinbar hielten die Führenden der Sowjetunion die Hilfe des Auslandes sowie auch die Hilfe der UNO einfach zurück oder gaben sie an die nicht so stark betroffenen Personen weiter und wiederum musste die Bevölkerung somit unter dieser Art von Politik leiden. 5.2. Hilfsmaßnahmen nach der WiedervereinigungDoch 1989 nach der Wende, als die Bürger der ehemaligen DDR nach und nach die ganze Wahrheit über Tschernobyl erfuhren, wurden verschiedene Organisationen und Vereine zur Tschernobyl-Hilfe gegründet. Weiterhin wurden im Gebiet der ehemaligen DDR Heime errichtet, in welchen sich vor allem die Kinder aus den betroffenen Gebieten der ehemaligen Sowjetunion erholen können. Ein Beispiel aus unserer Umgebung ist das Erholungsheim in Hämbach bei Bad Salzungen.Dieses wurde vom Verein zur internationalen Hilfe gegründet und wird bis heute von diesem unterstützt. Der Verein gründete sich 1992 und seit etwa 1993 kommen verschiedene Kindergruppen aus den verstrahlten Gebieten um Tschernobyl für jeweils drei oder vier Wochen in das Heim nach Hämbach. Dort haben sie die Möglichkeit sich zu erholen, abwechslungsreiche, nicht verstrahlte Nahrung zu sich zu nehmen. Außerdem werden den Kindern verschieden Ausflüge angeboten, zum Beispiel der Besuch des Bad Salzunger Gradierwerkes, eines Schwimm- bzw. Hallenbades oder Besichtigungen verschiedener Sehenswürdigkeiten und Schulen. Bei unserem Besuch des Heimes konnten wir Einblick in verschiedene Gästebücher nehmen, dabei hatten wir den Eindruck, dass die Kinder und Erzieher aus den verstrahlten Gebieten wirklich begeistert von dem Aufenthalt waren. Wir hatten das Gefühl, dass die Kinder sich wirklich wohl fühlen, denn in einer Gruppe wurde geschrieben, dass man in Hämbach sein "Glück erkennen" kann; in einer anderen Gruppe wurde der Aufenthalt sogar als "Schönes Märchen" bezeichnet. Die Kinder können sich hier sehr gut erholen, schon die Luftveränderung tut ihnen gut, denn die Luft in ihrer Heimat ist bis heute "radioaktiv verseucht". Doch leider befindet sich das Heim zurzeit in besonders schwierigen finanziellen Verhältnissen, da es jetzt, im Gegensatz zur Anfangszeit, nur noch von wenigen Sponsoren gefördert wird. Die Unterstützung beruht zum größten Teil auf Sachspenden, wie Nahrungsmitteln, Kleidung und Spielsachen. Doch das Heim "Kinder in Not" weiß jede Hilfe zu schätzen. Seit dem letzten Jahr ist auch die finanzielle Hilfe vom Staat weggefallen. Diesen Sommer konnten über mehrere Wochen hinweg keine Kinder kommen, da der Bus nicht mehr funktionsfähig war. Weiterhin werden auch ABM-Stellen gestrichen und die Mitarbeiter müssen so vom Heim selbst bezahlt werden. Dabei ist dieses Heim doch so wichtig für die Kinder, sie erholen sich hier, sind glücklich und können gesunde Nahrung zu sich nehmen und saubere Luft einatmen. Die Kinder sind dankbar für jede Kleinigkeit und in der Ukraine sieht man die Bevölkerung hier hauptsächlich als "Freund in der Not" an, nicht zuletzt durch die Arbeiten des Heimes. Weitere Hilfsmaßnahmen nach der Wiedervereinigung waren unter anderem Spendenaktionen, medizinische Hilfe und Patenschaften für stark gesundheitlich beschädigte Kinder. Hätte man die Bevölkerung von Anfang an mit der Wahrheit über Tschernobyl konfrontiert, hätte man dies Hilfsmaßnahmnen schon wesentlicher früher starten können und dadurch möglicherweise einige Menschenleben retten können. 6. Gesundheitsfolgen im Ausland und heutige AnsichtenDie Tschernobyl-Katastrophe hatte aber nicht nur schwere gesundheitliche Folgen auf die drei am nächsten um Tschernobyl gelegenen Länder Weißrussland, Ukraine und Russland, sondern auf gesamt Europa. Vor allem in den westlichen Ländern konnte nach dem Tschernobyl- Unglück ein Anstieg von verschiedenen strahlenbedingten Krankheiten nachgewiesen werden.Bayern war das in Deutschland von der Strahlung am stärksten belastete Gebiet. Hier traten im Vergleich zu den anderen deutschen Gebieten auch die meisten Schäden und Krankheiten auf. Zu den in Deutschland aufgetretenen gesundheitlichen Folgen zählen erhöhte Säuglingssterblichkeiten, Totgeburten und Fehlbildungen. Wissenschaftler haben in den zehn am stärksten belasteten Gebieten Bayerns (Südbayern) einen Anstieg der Totgeburten nach 1986 festgestellt. 1987 überstieg die Anzahl den erwarteten Wert um 45 %. In den Jahren 1988 und 1989 lagen sogar Erhöhungen um ca. 35% vor. Neun Monate nach Tschernobyl wurden auch in Deutschland (Studie aus Berlin) viele Kinder mit Trisomie 21, bzw. dem Down- Syndrom geboren. In Westdeutschland sind nach der Katastrophe anderthalb mal so viele Kinder an Blutkrebs (Leukämie) erkrankt wie im Durchschnitt der achtziger Jahre. Weiterhin sind bei Säuglingen in Süddeutschland nach dem Tschernobyl-Unglück vermehrt Neuroblastome, eine bösartige Erkrankung des Nervensystems, aufgetreten. In einer Studie, welche in Hamburg durchgeführt wurde, stellte man in den Monaten nach Tschernobyl fest, dass vermehrt untergewichtige Säuglinge (unter 2500 Gramm) zur Welt kamen. Aber auch eine erhöhte Anzahl von Schilddrüsenunterfunktionen bei Neugeborenen wurde in Berlin und Hessen festgestellt. Doch auch viele andere europäische Länder waren direkt von dem Tschernobyl-Unglück betroffen. Auch in Polen gab es nach der Tschernobyl-Katastrophe zum Beispiel eine Erhöhung der Perinatalsterblichkeit (Sterblichkeit der Neugeborenen), in Griechenland sind vermehrt Fälle von Leukämien aufgetreten, in Salzburg wurde eine erhöhte Anzahl von Chromosomenschäden festgestellt, in Finnland kam es zu Frühgeburten behinderter Kinder und in ganz Europa traten Fehlbildungen bei Neugeborenen und eine erhöhte Anzahl von Krebskrankheiten auf. Und sogar Forscher aus den USA behaupten, dass aufgrund des Tschernobyl-Unglücks die Sterberate in ihrem Land von Mai bis August 1986 anstieg. Sie vermuten, dass radioaktives Jod, welches man kurz nach der Katastrophe in der Milch fand, die Ursache dafür ist. Der Super- GAU von Tschernobyl hatte schwerwiegende gesundheitliche Folgen auf ganz Europa und wohl auch auf westliche Gebiete Asiens und, wenn man den Aussagen der USA Glauben schenken kann, sogar auf Amerika. So muss man der Sowjetischen Regierung und auch den weltweiten Organisationen der UNO, die mit Falschaussagen an die Öffentlichkeit gingen und das Ziel hatten, Tschernobyl und dessen Folgen zu verheimlichen, auch hier Vorwürfe machen. Wären sie von Anfang an mit der Wahrheit an die Öffentlichkeit gegangen, hätten sich die Menschen weltweit besser vor der Strahlung schützen können und man hätte ein solches Ausmaß an weltweiten Folgen geringer halten können. Man kann im Prinzip also davon sprechen, dass die Menschen durch verlogene Informationspolitik weltweit getäuscht wurden und von den Folgen des Tschernobyl-Unglücks betroffen waren. So sind nach dem Tschernobyl- Unglück auch einige Atomkraftwerke in den westlichen Ländern geschlossen worden und man hat versucht Strom auf andere Art und Weise herzustellen. In den östlichen Ländern aber blieben die Atomkraftwerke, obwohl sie zum größten Teil einen wesentlich schlechteren Standard haben als die westlichen Kraftwerke. Ein großer Teil der von uns befragten Menschen aus der Ukraine ist dennoch der Meinung, dass es gut ist, dass es heutzutage noch Kernkraftwerke gibt. Einige meinten, dass man die Kraftwerke braucht, dass sie wichtig für die Volkswirtschaft sind und dass es keine bzw. nicht ausreichend Alternativen gibt. Natürlich ist der Hauptgrund dafür, dass immer noch Atomkraftwerke existieren, die schlechte finanzielle Lage der Sowjetunion. Es gibt sogar noch ein Kraftwerk mit exakt der gleichen Bauart wie das Tschernobyl-Kraftwerk, Aber dass die Menschen teilweise gar keine anderen Alternativen kennen, ist vielleicht auch wiederum ein Beleg dafür, dass die Menschen bis heute nicht richtig aufgeklärt sind und immer noch unter einem schlechten Informationsfluss leiden. In der hier ausgeführten Umfrage war das Ergebnis auf die Frage, ob Kernkraftwerke heutzutage noch notwendig sind relativ ausgeglichen. 45% beantworteten diese Frage mit ja, 53% hingegen meinten nein. Als Begründungen wurden uns auf der einen Seite verschiedene Alternativen, wie zum Beispiel Kohleenergie, Solarenergie oder aber Energiegewinnung durch Wind und Wasser, genannt, welche die Atomkraftwerke als Energiespender ablösen sollten. Auf der anderen Seite aber wurde von den Personen, die Kernkraftwerke noch als notwendig ansehen, ausgesagt, dass es heutzutage einfach noch nicht genügend Alternativen gibt, die relativ preiswert sind. 23 % behaupteten, dass sich solch ein Unglück in Deutschland heutzutage nicht ereignen kann. Doch unserer Ansicht nach kann solch ein Unglück, solange es noch Atomkraftwerke gibt, immer und überall auftreten. ZusammenfassungDurch unsere langfristige Beschäftigung mit dem Thema Tschernobyl haben wir festgestellt, dass das schwerste Atomunglück in der Geschichte schon beinahe vollständig in Vergessenheit geraten ist. Doch so eine schwerwiegende und folgenreiche Katastrophe darf nicht vergessen werden, im Gegenteil: Sie muss ein Warnsignal für alle anderen Länder sein.Der Super-GAU von Tschernobyl ist auch heute noch ein Sinnbild für Leid, Krankheit und Tod. Die radioaktive Strahlung, welche sich damals besonders stark über das heutige Russland, Weißrussland und die Ukraine ausbreitete, beeinträchtigt bis heute die Gesundheit der Bevölkerung. Schilddrüsen- und Immunschwächeerkrankungen, Krebs und Tumore sind typische Krankheitsbilder, welche nach dem Unglück auftraten und auch das gegenwärtige Leben der Menschen prägen. Doch aufgrund unserer Recherchen sind wir zu der Erkenntnis gekommen, dass neben der radioaktiven Strahlung auch die verlogene und einseitige Informationspolitik, sowie die schlechten Hilfsmaßnahmen eine Schuld an dem Ausmaß der Schäden tragen. Aufgrund der damals bestehenden Parteidiktatur der ehemaligen Sowjetunion, welche die Medien kontrollierte, konnten wahrheitsgetreue Reportagen nicht veröffentlicht werden. Auf Pressekonferenzen heuchelte die Regierung den Menschen eine ungefährliche und kontrollierte Situation vor, ließ Artikel zur Bekräftigung ihrer Aussagen schreiben und lobte die angeblich so gut verlaufenden Hilfsmaßnahmen. Doch wie in unserer Arbeit deutlich wird, waren die vom Politbüro getroffenen Maßnahmen unorganisiert, nicht ausreichend und sogar fatal für die Gesundheit der Bevölkerung. Zu späte Evakuierungen, schlechte Lebensbedingungen in den neu errichteten Städten, kontaminierte Nahrung, mangelnde medizinische, finanzielle und materielle Unterstützung, sowie zu späte Warnungen und Ratschläge führten zu einem schlechten Gesundheitszustand der betroffenen Menschen. Dies zeigt eindeutig, dass nicht "nur" die Strahlung für das hohe Ausmaß der gesundheitlichen Schäden, sondern auch das Fehlverhalten, die Lügen und die beabsichtigten unterlassenen Hilfsmaßnahmen der Regierung verantwortlich sind. Hätte das Politbüro weniger selbstgerecht, aber pflichtbewusster der Bevölkerung gegenüber gehandelt, hätten diese schwerwiegenden Folgen vermieden werden können. Auch die ehemaligen DDR-Bürger, welche ebenfalls unter diktatorischen Verhältnissen lebten, hatten durch die eingeschränkte Informationspolitik einen unzureichenden Einblick in die Geschehnisse. Dadurch konnten auch sie sich kaum vor der Strahlung und den radioaktiv verseuchten Nahrungsmitteln schützen. Weiterhin war es ihnen zum damaligen Zeitpunkt kaum möglich, Hilfsmaßnahmen für die ehemalige Sowjetunion zu organisieren. Ist der allgemein geringe Informationsfluss zu dieser Zeit vielleicht daran Schuld, dass so viele Menschen das Unglück schon längst vergessen haben? Doch man sollte sich daran erinnern, um Alternativen für Kernenergie zu finden und zu fördern und somit die Gefahr zu mindern. Ein solches Unglück kann sich zu jeder Zeit, in jedem Land wieder ereignen, solange es Atomkraftwerke gibt! Quellenverzeichnis
LiteraturverzeichnisBücher
Internet
NachwortDurch die Seminarfacharbeit haben wir für uns das erste Mal wirklich begriffen, was es heißt, Freiheit zu erfahren. Wir nehmen heutzutage Presse- und Meinungsfreiheit als Selbstverständlichkeit hin, ohne darüber nachzudenken, was es bedeutet, durch eine Herrschaftsform oder Staatsmacht eingeschränkt zu sein.Während unserer Recherchen haben wir viel über das Leid und die Krankheiten der ehemaligen sowjetischen Bevölkerung nach dem Tschernobyl-Unglück erfahren. Die schrecklichen Schicksale der Menschen berührten uns immer wieder, wodurch sich unsere Beziehung zu diesem Thema intensivierte. Wir arbeiteten viel mit den veröffentlichten Geheimprotokollen, um die Wahrheit herauszufinden und die Lügen und das Fehlverhalten der Politiker aufzudecken. Zeugenaussagen ließen uns dagegen in das Leben der betrogenen Menschen blicken und uns die emotionale Seite des Themas verstehen. "Tschernobyl ist eine schreckliche Strafe für Jahrzehnte der Verhöhnung, für Ozeane der Lügen, für tödliche Schuld und Vergehen unserer Großväter und Väter."
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Tschernobyl-Katastrophe Berichte und Bilder
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